Vor drei Jahren startete die SIGU-Strategie mit dem Anspruch, gemeinwohlorientierte Unternehmen in Deutschland sichtbarer und stärker zu machen. Ein aktueller Beitrag von Table.Media schaut auf die Vorhaben der SIGU-Strategie und wo sie heute steht. Wir ordnen ein: Was bleibt – und worauf es jetzt ankommt.
SIGU-Strategie als Meilenstein der Innovationspolitik
Im September 2023 verabschiedete die damalige Bundesregierung die Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGU). Damit stellte die SIGU-Strategie einen Meilenstein in der deutschen Innovationspolitik dar. Denn sie setzte Soziale Innovationen erstmalig auf eine Ebene mit technologischen Innovationen. Unabhängig von den in der Strategie enthaltenen 70 ressortübergreifenden Maßnahmen war daher bereits ihre bloße Existenz etwas Besonderes.

Der damalige Staatssekretär Kluttig (BMWK) brachte es während des SIGU-Forums im April 2025 in Berlin etwa so auf den Punkt: „Der größte Erfolg der SIGU-Strategie ist, dass es sie überhaupt gibt.“ Es ging dabei auch darum, Innovationen umfassender mit all ihren Ausprägungen, Interdependenzen und Wirkungslogiken zu verstehen und anzuerkennen.
Die SIGU-Strategie sollte dazu beitragen, neue Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu fördern, zu entwickeln und diese wirksamer zu machen. Dafür wurden einerseits Förderprogramme initialisiert. Andererseits sollte die Strategie insbesondere gleichberechtigte Zugänge zu existierenden Förderprogrammen, faire Rahmenbedingungen (im Verhältnis zu „konventionellen“ Innovationen und Unternehmen) und mehr Sichtbarkeit für SIGUs schaffen – Maßnahmen, die bis heute (nach)wirken.
Der zum SIGU-Forum vorgestellte Monitoring-Bericht zeigte damals, dass fast 80% der vorgesehenen Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt umgesetzt waren. Damit habe die SIGU-Strategie „Benachteiligungen abgebaut und Unterstützung verbessert“, so Kluttig weiter.
In den letzten Jahren ist viel in Bewegung gekommen
-
Neue Förderformate und -kanäle sind entstanden
-
(Sektorübergreifende) Netzwerke haben sich verdichtet
-
Die Sichtbarkeit Sozialer Innovationen ist gewachsen
Die SIGU-Plattform selbst ist Teil dieser Dynamik – als verbindendes Element zwischen Sozialinnovator:innen, Förder- und Finanzpartner:innen sowie Wissenschaftler:innen.
SIGUs: (K)Ein Nice-to-Have?
Eine Aktualisierung des Monitoring-Berichts für die Zeit nach April 2025 liegt unter der aktuellen Bundesregierung nicht vor, wenngleich einige Maßnahmen teilweise bis heute umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem das Förderprogramm „Nachhaltig Wirken“, das „Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen“ (IGP) oder die SIGU-Plattform. Allerdings steht für diese Programme derzeit noch keine Weiterförderung in Aussicht. Die aktuelle Förderung der Bundesregierung für die SIGU-Plattform läuft noch bis April 2027. Ein weiterer Call für IGP wird voraussichtlich noch in diesem Jahr erfolgen.
Im aktuellen Koalitionsvertrag spricht sich die Bundesregierung weiterhin für die Förderung Sozialer Innovationen aus, ohne jedoch weitere Details zu nennen. Eine Neuauflage der SIGU-Strategie zur Förderung Gemeinwohlorientierter Unternehmen (GU) scheint derzeit nicht geplant zu sein, wenngleich sich die Wirtschaftsministerkonferenz der Bundesländer im vergangenen Jahr für die Weiterführung und Weiterentwicklung der SIGU-Strategie ausgesprochen hat.
Auch auf europäischer Ebene ist derzeit unklar, welche Rolle Soziale Innovationen im kommenden EU-Haushalt (2028-2034) einnehmen werden.
Damit ist das Thema wohl tatsächlich ein Stück weit aus dem politischen Fokus der deutschen und europäischen Politik geraten.
Derzeit ist also unklar, inwiefern im vorherrschenden politischen Diskurs, “SIGUs kein „Nice-to-Have“, sondern ein „Must-Have“ sind, wie es der ehemalige Staatssekretär Dr. Karl Eugen Huthmacher (BMBF) noch am SIGU-Forum 2025 deutlich gemacht hatte.

Dabei sprechen die Fakten nach wie vor eine deutliche Sprache: Die Studie zur Verbesserung der Datenlage zu Gemeinwohlorientierten Unternehmen in Deutschland (2025) (ebenfalls ermöglicht durch die SIGU-Strategie) schätzte, dass es rund 156 bis 172 Tausend GUs in Deutschland gibt. Sie beschäftigen ungefähr 3 bis 3,4 Millionen Arbeitnehmer:innen und haben einen jährlichen Umsatz von rund 72 bis 82 Milliarden Euro. Damit beherbergt der Sektor 3 bis 4 Mal so viele Beschäftigte wie die Automobilindustrie.
Ihr essenzieller Beitrag für „starke Sozial- und Gesundheitssysteme, sichere Renten, digitale Beteiligung oder moderne Bildung“ ist dabei ebenso wichtig wie ihre Rolle in Bezug auf „europäische Souveränität – nicht nur für einen starken Staat, dem die Bürger vertrauen, sondern eine starke Gesellschaft und Wirtschaft“ (Zarah Bruhn im Table.Media-Artikel).
Worauf es jetzt ankommt
Die Relevanz der SIGU-Strategie ist ungebrochen. Ihre Ziele und Maßnahmen wirken weiter, in der Praxis, in Netzwerken und in den Organisationen selbst, die Teil und/oder Profiteure dieser Politik waren und sind.
Jetzt kommt es darauf an, dort anzuknüpfen und dran zu bleiben, damit die “Krisen nicht schneller als die Lösungen wachsen” (Zarah Bruhn).
Hierfür bleibt wichtig:
- Bestehende Angebote zu nutzen. Veranstaltungen, Formate und Plattformen bleiben wichtige Ankerpunkte für Austausch und Weiterentwicklung.
- Erfahrungen zu teilen. Praxiswissen stärkt das gesamte Ökosystem und hilft neuen Akteur:innen beim Einstieg. Die SIGU-Plattform veröffentlicht weiterhin Blogposts, Interviews, Publikationen und Spotlights – und teilt sie über Newsletter und Social Media.
- Im Dialog zu bleiben. Soziale Innovationen sind kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Prozess, sektor- und akteursübergreifend. Sie sind dort anschlussfähig, wo Veränderungsdruck herrscht und nach neuen Lösungsansätzen gesucht wird. Entsprechend bleibt es wichtig, Austausch zu suchen, Argumente, Bedarfe und Sorgen zu teilen sowie Beziehiehungen auf- und auszubauen, am besten in einem starken Kollektiv.




