Europas stille Revolution: Die wachsende Bedeutung Sozialer Innovation bei der Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen

© Patrick Temme Photographie

Die Europäische Union ist seit Langem Vorreiterin bei der Förderung von Sozialen Innovationen. Schon früh hatte sie ihre Innovationspolitik für Lösungen geöffnet, die auf die drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zielten und nicht mit innovativen Technologien allein angegangen werden konnten. Vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen und politischer Umwälzungen haben sich Prof. Dr. Jürgen Howaldt (TU Dortmund) und Sofia Lai Amândio (ISCTE, University Institute Lissabon) mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft von Sozialen Innovationen als Politikinhalt der Europäischen Union auseinandergesetzt. 

Der Beitrag wurde im Original im September 2025 auf Portugiesisch bei Público und zuletzt im Oktober 2025 auf Englisch bei Social Europe veröffentlicht. In Absprache mit den Autor:innen wurde die deutsche Übersetzung vom Team Wissenschaft der SIGU-Plattform um eine Einordnung zum Beitrag der Bundesrepublik Deutschland für die Erweiterung der europäischen Innovationspolitik ergänzt.

Prof. Dr. Jürgen Howaldt ist Direktor der Sozialforschungsstelle Dortmund, TU Dortmund, und Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften. Er ist ein international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Sozialen Innovation und Mitbegründer und Vorsitzender der European School of Social Innovation. Jürgen Howaldt ist Mitherausgeber der Enzyklopädie der sozialen Innovation und des Atlas der sozialen Innovation. Seine Forschungsschwerpunkte sind die sozialwissenschaftliche Innovationsforschung und die Soziale Innovation.

Dr. Sofia Lai Amândio ist Policy Consultant und Expertin für Soziale Innovation. Sie ist leitende Forscherin am CIES – Centre for Research and Studies in Sociology, Iscte – University Institute of Lisbon (Portugal). Ihre Arbeit konzentriert sich auf SI-Policy, Governance und Wirkungsanalyse, mit besonderem Schwerpunkt auf europäischen Social Policy Frameworks und Evaluationsmethoden.

© Dr. Sofia Lai Amândio. Foto mit Genehmigung zur redaktionellen Verwendung reproduziert.

Soziale Innovation hat sich zu einer bestimmenden Kraft in den politischen Debatten der letzten Jahre entwickelt. Als neuartiger Ansatz zur Lösung komplexer Probleme in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Bildung, Energie und Umwelt hat Soziale Innovation die Aktivitäten von Menschen und Gemeinschaften auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene beflügelt. Öffentliche Programme unterstützen Soziale Innovationen in verschiedenen Politikbereichen und helfen dabei, sie zu initiieren und in die Gesellschaft zu tragen.

Diese stille Revolution ist mehr als eine schrittweise Reform. Soziale Innovation hat ein Umdenken ausgelöst, in dem sich Innovationen zur Gesellschaft hin öffnen. Soziale Innovationen leben von der Interaktion zwischen verschiedenen Akteur:innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Sie ermöglichen die Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung neuer sozialer Praktiken und Institutionen aus verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven, aber oft mit einem gemeinsamen Ziel. So erweisen sich Soziale Innovationen als eine besondere Form zur gemeinsamen Gestaltung des sozialen Wandels und gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Seit fast zwei Jahrzehnten experimentiert die Europäische Union mit der Einbettung Sozialer Innovation in ihre politische DNA. Dabei ging es nie um Apps oder Gadgets, sondern um die Neugestaltung von Wohlfahrtsleistungen, den Aufbau integrativer Volkswirtschaften und die Bewältigung von Problemen, die weder durch Marktmechanismen noch durch staatliche Eingriffe allein gelöst werden können.

Von der Finanzkrise zum Klimanotstand

Die Entwicklung nahm ihren Anfang in der Finanzkrise in den Jahren 2006 und 2007. Die europäischen Staats- und Regierungschefs stellten fest, dass die Instrumente und Strategien der bisherigen Innovationspolitik nicht ausreichten, um die komplexen und miteinander verknüpften Herausforderungen zu adressieren. Die bisherigen Politikinstrumente erwiesen sich als zu stumpf, zu eng oder zu anfällig.

Es galt, Antworten zu finden, die über Sparmaßnahmen und Ausgabenkürzungen hinausgingen. Die Erkenntnis, dass die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts neue und grundlegend andere Lösungsansätze und Denkweisen erforderten, bereitete den Weg für Soziale Innovationen. 

Auf der programmatischen Ebene der europäischen Forschungs- und Innovationspolitik hatte sich diese neue Perspektive schon seit den 1990er Jahren entwickelt und in den Forschungsrahmenprogrammen wurde die soziale Dimension von Innovationen gegenüber der Technologieorientierung gestärkt.

Mit der Gemeinschaftsinitiative EQUAL für die Reduktion von Diskriminierung und Ungleichheiten am Arbeitsmarkt, die unter Kommissionspräsident Romano Prodi ins Leben gerufen wurde, wurde Soziale Innovation dann erstmalig umfassend berücksichtigt. EQUAL wurde im Rahmen des Europäischen Sozialfonds (ESF) umgesetzt und man legte großen Wert auf Soziale Innovation als Ansatz zur Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt. Als Versuchslabor konzipiert, ermöglichte es die Erprobung und Verbreitung innovativer Lösungen, half dabei, bewährte Verfahren zu verbreiten und transnationale Zusammenarbeit zu fördern. EQUAL gilt auch heute noch als Meilenstein der Entwicklung der EU-Strategien für Soziale Innovation.

Ein weiterer wichtiger Schritt wurde mit der Kommissionspräsidentschaft von José Manuel Barroso gemacht. Seine Berater stellten fest, dass die traditionelle Politik nicht in der Lage war, die Wirtschafts- und Finanzkrise zu bewältigen und gleichzeitig den wachsenden sozialen Herausforderungen gerecht zu werden. Seitdem sind Soziale Innovationen zu einem festen Bestandteil der europäischen Innovationspolitik geworden. 

Besonders Carlos Moedas, Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation von 2014 bis 2019, gab entscheidende Impulse zur Förderung Sozialer Innovationen. Er stellte Mittel für die Finanzierung von Horizont 2020 bereit und erklärte, die EU solle Soziale Innovation nicht unterstützen, “weil sie in Mode ist, sondern weil sie die Zukunft ist”. In der Europa 2020 Strategie wurde “intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum” versprochen und Soziale Innovation wurde zum Bestandteil dieses Versprechens. Es folgte eine neue Generation von EU-finanzierten Projekten – groß angelegter Forschungsvorhaben, wie SI-DRIVE (Social Innovation-Driving Force of Social Change) und TEPSIE (Theoretical, Empirical and Policy Foundations for Building Social Innovation in Europe) – die das Konzept empirisch und theoretisch fundierten.

Die Kommission von der Leyen hat Soziale Innovation weiter in die Politiken der EU verankert: Der Europäische Green Deal und der Aktionsplan für die Sozialwirtschaft sowie die ESF+-Verordnung räumen ihr formales Gewicht ein. Kommissar Nicolas Schmit hat Soziale Innovation mit dem Konzept der “Just Transition” verknüpft und damit deutlich gemacht, dass sie eine der tragenden Säulen des europäischen Innovationsmodells ist.

Infrastrukturen für den Wandel

Institutionelle Strukturen für Soziale Innovativen sind inzwischen etabliert: Das European Social Network (ESN) hebt Soziale Innovationen in seinem Programm hervor und der Europäische Sozialfonds+ (ESF+) unterstützt Soziale Innovationen durch eine Reihe von Maßnahmen sowohl auf europäischer Ebene als auch in den Mitgliedsstaaten. Die neue ESF-Initiative „Social Innovation+“ unterstützt EU-weite, multinationale Projekte zur Entwicklung, Skalierung und Diffusion von sozialinnovativen Initiativen.

Nicht nur, um Projektaufrufe zu organisieren, sondern um geeignete Methoden und Instrumente für Soziale Innovationen zu sammeln, zu bewerten, zu entwickeln, zu validieren und zu verbreiten, wurde das Europäische Kompetenzzentrum für Soziale Innovation gegründet. Es bietet den ESF-Verwaltungsbehörden und anderen Akteuren die Möglichkeit, voneinander zu lernen, Kapazitäten aufzubauen und sich zu vernetzen. In fast allen Mitgliedstaaten sind nationale Kompetenzzentren für Soziale Innovation entstanden, die die ESF-Verwaltungsbehörden bei der Gestaltung und Umsetzung von Maßnahmen für Soziale Innovationen unterstützen und gleichzeitig den Kapazitätsaufbau und die Vernetzung von Organisationen in den Mitgliedsstaaten unterstützen.

Von Pilotprojekten für digitale Soziale Innovation bis zu urbanen Reallaboren, von Impact Bonds bis zu europäischen Wettbewerben – das Ökosystem hat sich seit 2010 eindrucksvoll entwickelt. Doch trotz dieser Fortschritte stehen wir noch am Anfang eines Prozesses, der die systematische Entwicklung Sozialer Innovation ermöglichen wird. 

Der fragile Konsens ist in Gefahr

Aktuell besteht die Gefahr, dass Europas fragiler Konsens über einen umfassenden Innovationsansatz ins Wanken gerät. Das Frühjahrspaket 2025 des Europäischen Semesters hat den Schwerpunkt wieder auf Wettbewerbsfähigkeit und Steuerstabilität gelegt und Soziale Innovation findet kaum Erwähnung. Wenn die Austeritätspolitik zurückkehrt, könnten die hart erkämpften Errungenschaften des letzten Jahrzehnts wieder verschwinden.

In vielen Ländern hat die europäische Förderung Sozialer Innovation bereits Vieles bewegt. Neue Arbeitsweisen wurden entwickelt, neue Finanzierungsquellen erschlossen und unterstützende Infrastrukturen geschaffen. Die Europäische Union hat das Bewusstsein zur Bedeutung Sozialer Innovationen geschärft und eine allgemeine Debatte über die künftige Ausrichtung der Innovationspolitik angestoßen. Es zeichnen sich die Konturen eines neuen Innovationsparadigmas ab, das die Vielfalt von Innovationen in der Gesellschaft erfasst, miteinander verknüpft und sich über die wirtschaftlichen Auswirkungen hinaus auf ihren Beitrag zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen konzentriert.

Ein umfassendes Innovationsverständnis kann die notwendige Grundlage für eine missionsorientierte und transformative Innovationspolitik bilden, die das Potenzial Sozialer Innovation nutzt und gleichzeitig das Innovationspotenzial der Gesellschaft als Ganzes stärkt. Die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre machen deutlich, dass Krisen Beschleuniger für Soziale Innovationen sind. Die letzten Jahre haben unzählige erfolgreiche Ansätze und Initiativen hervorgebracht, die die Stärken und das Potenzial Sozialer Innovation bei der Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen verdeutlichen und neue Wege für eine nachhaltige Zukunft aufzeigen.

Was Europa jetzt braucht, ist ernsthaftes Engagement: klare Definitionen, starke Messinstrumente, sektorübergreifende Koordinierung, geeignete Infrastrukturen, politische Programme und mutige Investitionen. Mitte des letzten Jahrhunderts wurden durch eine systematische Innovationspolitik die Voraussetzungen geschaffen, um das Potenzial der Naturwissenschaften zu erforschen und für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, erleben wir einen ebenso großen Pioniergeist bei der Suche nach neuen sozialen Praktiken, die eine bessere Zukunft zu gestalten helfen.

Ergänzung: Deutschlands Beitrag zu einer umfassenden Innovationspolitik

Parallel zu den Entwicklungen auf europäischer Ebene haben Soziale Innovationen auch in Deutschland eine starke Position eingenommen. Mit der Nationalen Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen wurde die breite politische Unterstützung sichtbar und ein starker Impuls wurde in die Gesellschaft gegeben. Es wurde deutlich: Das große Potenzial Sozialer Innovationen für den Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit wird nicht nur anerkannt, sondern auch in konkrete Maßnahmen und Programme umgesetzt. Damit wurden nicht nur viele Initiativen und Aktivitäten in Deutschland angestoßen und gefördert, sondern es wurde deutlich, dass Deutschland in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen würde. 

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Herausforderungen, denen sich Deutschland und Europa gegenübersehen, gilt es nun, das Ökosystem Sozialer Innovationen weiter zu stärken. Anderenfalls wird die Chance verschenkt, die Potenziale der Gesellschaft bei der Bewältigung der großen Herausforderungen zu nutzen, vor denen wir heute stehen. 

Sozialinnovator:innen und ihre Unterstützer:innen in Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft brauchen jetzt ein Zeichen, dass sie auf ihrem Weg weiterhin Unterstützung finden werden. Die Innovationspolitik in Deutschland und Europa ist dabei ein wichtiger Katalysator. 

Team Wissenschaft der TU Dortmund

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