© Patrick Temme Photographie
Der Bundestagsbeschluss zur Förderung Sozialer Innovationen im Jahr 2020 und die im Herbst 2023 verabschiedete Nationale Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen waren Meilensteine der Innovationspolitik. Sie stehen für ein umfassendes Innovationsverständnis zur Bearbeitung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen, welches mit unterschiedlichen Akzentsetzungen im Detail von einem grundsätzlichen, parteiübergreifenden Konsens getragen werden. Im Kontext von Schlüsseltechnologien kann an etablierte und praktisch bewährte Konzepte der anwendungsorientierten sozialwissenschaftlichen Arbeitsforschung wie dem Sozio-technischen Systemansatz angeschlossen werden. Im Spotlight März 2024 haben wir die anwendungsorientierte Arbeitsforschung näher betrachtet.
Soziale und Technologische Innovationen entstehen und verbreiten sich auf unterschiedliche Weise. Damit sie ihr volles Potenzial entfalten können, müssen sie gemeinsam geplant und gefördert werden. Dafür ist es wichtig, dass durch interdisziplinäre Forschung besser verstanden wird, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und welche Faktoren sozio-technische Entwicklungen leichter steuerbar und wirksamer machen. Dementsprechend bedarf es adäquater Strategien zur Anpassung der Innovationsförderung – ob auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene – und auch für die vielen verschiedenen Programme, die neue Ideen, Gründungen und Initiativen aus allen Bereichen der Gesellschaft unterstützen.
Dieses Spotlight bietet mittels zweier Experteninterviews Perspektiven auf sozio-technische Systemansätze, die in besonderer Weise dazu geeignet sind, Wechselwirkungen von Sozialen und Technologischen Innovationen zu erfassen und auf wünschenswerte Zukünfte auszurichten (wie etwa organisationale oder gesellschaftliche Resilienz, Nachhaltigkeit). Am Beispiel der Technikfolgenabschätzung und einer Reihe neuer Technologiefelder soll gezeigt werden, dass die Verbindung Sozialer und Technologischer Innovationen weitaus mehr zu leisten vermag als technologieabhängige Umsetzungsfragen zu beantworten.
Das Team Wissenschaft der SIGU-Plattform hat hierzu Kurzinterviews mit Prof. Dr. Stefan Böschen (RWTH Aachen) und Prof. Dr. Matthias Weber (AIT, Austrian Institute of Technology), zwei führenden Vertretern der internationalen Innovationsforschung, geführt.
Stefan Böschen zum Zusammenhang Sozialer und Technologischer Innovationen

Prof. Dr. Stefan Böschen
Lehrstuhl „Technik und Gesellschaft“ / Sprecher Human Technology Center der RWTH Aachen und Co-Direktor Käte Hamburger Kolleg „Kulturen des Forschens“
Foto: Peter Winandy
„Technikfolgenabschätzung wurde ursprünglich etabliert als wissenschaftliche Beratung für das Parlament, um den Expertisevorsprung der Exekutive – insbesondere bei Ministerien – in Bezug auf wissenschafts- und innovationspolitische Entscheidungen zu relativieren. Inzwischen hat sich die Lage jedoch deutlich verändert. Heute geht es nicht mehr nur um Politik-, sondern zunehmend auch um Gesellschaftsberatung. Demokratisches Entscheiden über Technologien, ihre Entwicklung und Anwendung bedeutet, öffentlich-politische Debatten hierüber zu ermöglichen.
Ein erweitertes Innovationsverständnis, das Soziale Innovationen mitdenkt, spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Denn in den vergangenen Jahren ist der Fokus verstärkt auf kollaterale Innovationsprozesse gerichtet worden: Technologische und Soziale Innovationen bedingen einander und verschränken sich in einer ko-evolutiven Dynamik. Die Technikfolgenabschätzung darf sich daher nicht auf ihren traditionellen Technikfokus zurückziehen. Vielmehr entstehen zunehmend Ansätze transdisziplinärer Forschung und Reallabore, die gerade das Zusammenspiel technologischer und sozialer Innovationsformen visionieren und umsetzen.”
„Ein zentrales Instrument zur Abbildung dieser Wechselwirkungen sind Reallabore. Sie öffnen einen Raum in die Gesellschaft hinein, in dem Neuerungen entwickelt und erprobt werden können. An vielen Standorten – so auch an der RWTH Aachen – haben sich Reallabore mit unterschiedlichen Zielsetzungen etabliert. Dabei zeigt sich allerdings auch, wo die Herausforderungen liegen: Wie verteilen sich Technologische und Soziale Innovationen in diesen Laboren?
„Gerade die genannten drei Typen von Reallaboren veranschaulichen exemplarisch die unterschiedlichen Ausprägungen und Kombinationen Technologischer und Sozialer Innovationen. Besonders bemerkenswert war dabei ein Befund der Studie: An der technisch orientierten RWTH Aachen waren tatsächlich alle drei Typen vertreten – mit einem überraschenden Schwerpunkt auf den Plattformen zur kollaborativen Problemlösung.
Diese dritte Form steht besonders stark für eine integrative Sichtweise auf Innovationen. Je mehr der Fokus auf ko-kreativer Lösungsentwicklung liegt, desto relevanter werden Soziale Innovationen. Zudem sollte stärker beachtet werden, dass Reallabore selbst eine Form Sozialer Innovation darstellen – insbesondere, wenn sie kontextsensibel in bestehende sozio-kulturelle und räumliche Gegebenheiten eingebettet werden. Ihre Implementierung ist daher nicht nur eine methodische, sondern auch eine gesellschaftlich-strukturelle Innovation.”
Matthias Weber: “Soziale und Technologische Innovationen gemeinsam denken”

Prof. Dr. Matthias Weber
AIT Austrian Institute of Technology, Center for Innovation Systems and Policy, und Université Gustave Eiffel, Laboratoire Interdisciplinaire Sciences, Innovations, Sociétés; Präsident des European Forum for Studies of Policies for Research and Innovation
Foto: AIT / Bösendorfer
„Technologische Innovationen verändern unsere Gesellschaft – aber sie tun das nie allein.
Es kommt darauf an Soziale und Technologische Innovationen gemeinsam zu denken. Ein zukunftsfähiges Innovationssystem fördert nicht nur neue Technologien und schafft nachträglich Akzeptanz dafür, sondern entwickelt dialogische Ansätze die dazu beitragen, dass Entwickler:innen und ein breites Spektrum betroffener gesellschaftlicher Akteursgruppen an einen Strang ziehen. Der sozio-technische Systemansatz bietet hierfür ein wertvolles Orientierungsmodell. Beispiele aus Österreich zeigen, dass sich auch Förderprogramme und Governance-Strukturen verändern müssen, um Transformationsprozesse wirksam zu unterstützen.”
„Unter Schlüsseltechnologie fasst man eine Reihe von Technologiefeldern, die sich durch ihr hohes Innovationspotenzial, ihre breite Anwendbarkeit und Relevanz für verschiedenste Branchen sowie ihre oftmals strategische Bedeutung für Volkswirtschaften auszeichnen. Hierzu zählen insbesondere die Informations- und Kommunikationstechnologien (einschließlich KI), Biotechnologie, Materialwissenschaften, Nanotechnologie, neue Fertigungstechnologie (etwa 3D-Druck, Robotik), aber auch (erneuerbare) Energietechnologien und – mit Blick auf die Zukunft – Quantentechnologien. Manche dieser Technologien, insbesondere digitale Plattformen, ermöglichen Soziale Innovationen und erleichtern ihre Skalierung. Bekannte Beispiele sind verschiedene Varianten von Sharing-Modellen, vom Car-Sharing, das durch digitale Plattformen und Buchungssysteme von einer in den 90er Jahren entstandenen räumlich und personell beschränkten Sozialen Innovation zu einer professionellen Dienstleistung geworden ist, bis hin zur geteilten Nutzung von Wohnraum und Werkzeugen. Digitale Plattformen haben auch die Schaffung digitaler Communities und Öffentlichkeiten ermöglicht, mit ihren positiven und problematischen Facetten.
Andere wie beispielsweise neue Fertigungstechnologien und Robotik-Systeme können ihr volles Potenzial erst dadurch entfalten, dass im Zuge ihrer Einführung auch neue Arbeitsmodelle für das Zusammenwirken von Menschen und Fertigungsrobotern, beziehungsweise weiteren autonomen Systemen (etwa autonome Fahrzeuge in der Produktion) eingeführt werden. Dadurch verändern sich die Arbeitsorganisation und die Qualifikationsanforderungen für die Fabrikarbeit massiv.
Im Gesundheitssystem wird zunehmend anerkannt, dass neue Therapien und Behandlungsmethoden nicht mehr nur die alleinige Verantwortung des Arztes oder der Ärztin sind, sondern zunehmend die aktive Mitwirkung der Patienten erfordern. Dies gilt insbesondere bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, wo eigenverantwortliches Handeln der betroffenen Patientinnen und Patienten durch digitale Monitoring- und Analysesysteme und durch eine Coaching-Rolle des medizinischen Personals unterstützt wird. Neben diesen Verhaltens- und Rollenänderungen gilt es aber auch, die neuen sozialen und medizinischen Praktiken in den institutionellen Regeln der Krankenversicherungen und der organisatorischen Praktiken der medizinischen Zentren zu verankern.
Die Trennung von Sozialen und Technologischen Innovationen ist im Systemwandel wenig hilfreich. Alle diese Prozesse erfordern mehr als nur Technologische Innovationen – Soziale Innovationen sind ebenso zentral und müssen integrativ betrachtet werden (Havas et al. 2023). Technologische Innovationen benötigen oft die Unterstützung Sozialer Innovationen, um realisiert und breit umgesetzt zu werden, während Soziale Innovationen zunehmend auf technologische Infrastrukturen angewiesen sind. Der sozio-technische Systemansatz ermöglicht integrative Vorgehensweisen.”
„Angesichts der Notwendigkeit, Technologische und Soziale Innovationen möglichst gut und rasch miteinander zu verzahnen, muss ein zukunftsfähiges Innovationssystem sowohl Technologische als auch Soziale Innovationen im Blick haben. Das gilt umso mehr als es eben nicht nur um Innovation im engeren Sinne geht, also die Einführung neuer Lösungen, sondern auch um deren Diffusion und im weiteren Sinne um Systemtransformationen, die eine Vielzahl komplementärer Innovationen technologischer, sozialer, organisatorischer und institutioneller Natur erfordern. Mit anderen Worten: ein zukünftiges Innovationssystem muss über Innovation hinaus auch die für ihren breiten Einsatz erforderlichen komplementären Voraussetzungen antizipieren und schaffen. Konkret bedeutet dies auch, dass Soziale Innovationen in Förderprogrammen gleichwertig neben technologischen Fragen behandelt werden sollten. In ausgewählten Bereichen derartiger Programme, zum Beispiel zur Zusammenarbeit von Menschen und Robotern in der Fertigung, sind die soziale Innovationskomponenten mindestens ebenso so herausfordernd wie die technologischen. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass transformative Innovationen auch Veränderungsbedarfe bei den institutionellen Spielregeln des Zusammenwirkens in und zwischen Organisationen nach sich ziehen. Dies lässt sich gut am Beispiel der künstlichen Intelligenz illustrieren. Aufgrund ihres Querschnittscharakters eines gut abgestimmten Policy Mix aus Forschungs- und Innovations- sowie Industriepolitik und vielfältigen regulativen Maßnahmen lässt sich das Potenzial dieser Technologie optimal nutzen, während negative Begleiterscheinungen neuer Technologien vermieden werden können. Derartige institutionelle Veränderungen sind allerdings häufig umstritten und damit hochpolitisch, weil durch sie die Einflussmöglichkeiten und das Machtgefüge zwischen verschiedenen Politikfeldern neu austariert wird.
Allerdings gibt es auch wichtige Unterschiede der drei Typen der Systemtransformation zu berücksichtigen. Bei der Transformation existierender sozio-technischer Systeme wie Energieversorgung oder Mobilität müssen technologische und soziale Neuerungen in bestehende, historisch gewachsene Systeme integriert und zugleich strukturell-institutionell verändert werden. Die Aufgaben für das Innovationssystem sind andere, wenn es um komplett neue Ökosysteme der Innovation und Transformation geht wie beispielsweise im Falle der Nanotechnologie oder der Quantentechnologie, bei denen man Neuland betritt und überhaupt erst neue Systeme etablieren muss, die oftmals mit noch unbekannten Chancen und Risiken verbunden sein können. Und dies mit einer – man denke an die gegenwärtige Entwicklung von künstlicher Intelligenz – nie dagewesenen Geschwindigkeit technologischer Entwicklung, die unsere Gesellschaft und die sie tragenden Institutionen oftmals überfordert, beziehungsweise massive politische und gesellschaftliche Kontroversen hervorruft. Im Falle der Vorbereitung auf Krisen und deren Bewältigung können, wie während der COVID-19 Pandemie sehr deutlich geworden ist, Soziale Innovationen unter Umständen rascher Lösungen liefern als Technologische Forschung und Innovation.”
„Das Zusammenwirken Sozialer und Technologischer in Förderprogrammen hat gerade in jüngeren Jahren eine wichtige Rolle bei der Ausgestaltung missionsorientierter Programme gespielt. Insbesondere haben sich in den vergangenen rund zehn Jahren zunehmend „neue“ missionsorientierte Förderprogramme etabliert, bei denen sich die Forschungs- und Innovationsbedarfe aus gesellschaftlichen Herausforderungen ableiten. Diese weisen eine große Offenheit sowohl gegenüber technologischen und nicht-technologischen Lösungsansätzen auf. Das liegt unter anderem daran, dass die dabei ins Auge gefassten Problemstellungen äußerst schwieriger und komplexer Natur sind (sogenannte „wicked problems“) und häufig ein enges Zusammenspiel von Sozialen und Technologischen Innovationen ebenso erfordern wie die Einbindung eines breiten Spektrums von Akteurs- und Betroffenengruppen.
Instrumentell bedeutet diese neue Form von Förderprogrammen auch, dass über längere Zeiträume transformative Prozesse angestoßen werden müssen, und zwar sowohl mit Hilfe angebotsseitiger (von der Forschungs- und Innovationsförderung bis zu Reallaboren) als auch nachfrageseitiger (von der öffentlichen Beschaffung bis zur Regulierung) Instrumentarien. Dies wiederum bringt neue Herausforderungen in Bezug auf die hierbei erforderlichen Abstimmungsmechanismen und Governance-Strukturen mit sich, etwa hinsichtlich des Zusammenspiels zwischen unterschiedlichen Politikbereichen und -ebenen. Wichtig ist hierbei auch, dass diese transformativen Programme aufgrund ihrer Langfristigkeit und Komplexität von vornherein durch ein regelmäßiges Programm-Monitoring und zugehörige Prozesse des Programm-Lernens begleitet werden. Damit kann im Lichte neuer Erkenntnisse über neue Lösungsansätze und Wirkungen der gesetzten Maßnahmen das Programm-Design nachjustiert werden.”
„Im Jahr 2021 wurde in Österreich die Gesetzgebung dahingehend geändert, dass nun sogenannte „Regulatory Sandboxes“ im Energiebereich eingesetzt werden können, um in einem begrenzten Anwendungsbereich das Zusammenwirken von neuen technologischen Lösungen und regulativen Spielregeln in einem realen Umfeld zu erproben sowie deren Auswirkungen auf das Verhalten der beteiligten Akteure zu verstehen. Letztlich dienen Regulatory Sandboxes dazu, mit neuen sozio-technischen und regulativen Lösungsansätzen in einem kontrollierten, aber realitätsnahen Setting zu experimentieren, um ihre Praxistauglichkeit zu prüfen, bevor sie in der Breite eingesetzt werden. Erfolgreich angewendet wurden Regulatory Sandboxes in Österreich beispielsweise im Zuge der Einführung von Energiegemeinschaftsmodellen, die bis dahin in Österreich nicht erlaubt waren. Allerdings ist der Spielraum für Regulatory Sandboxes im Vergleich mit anderen Ländern vergleichsweise begrenzt (Veseli et al. 2021). Die österreichischen und internationalen Erfahrungen können dazu beitragen, das Konzept der Regulatory Sandboxes breiter einzusetzen, auch wenn die jeweiligen nationalen Regulierungssysteme im Energiebereich deutliche Unterschiede aufweisen. In Deutschland wird in ähnlicher Weise das Konzept der Reallabore verwendet, das ebenfalls Anfang der 2020er Jahre im Rahmen des SINTEG-Förderprogramms pilotiert wurde.
Ein zweites interessantes Beispiel wie in Österreich mit sozio-technischen Innovationen vorgegangen wird, betrifft die Umsetzung der fünf EU-Missionen auf nationaler und regionaler Ebene. Sie beziehen sich auf die Themen Anpassung an den Klimawandel, Krebsbekämpfung, klimaneutrale Städte, gesunde Böden und Regeneration von Meeren und Gewässern. Auch in diesen Missionen werden sozio-technische Innovationen angestoßen, und zwar unter Beteiligung eines breiten Spektrums von Akteur:innen aus Forschung, Industrie, Politik und Zivilgesellschaft. Um deren Mitwirkung an konkreten Initiativen zu ermöglichen, wurde eine Politikfelder- und -ebenen übergreifende Governance-Struktur etabliert. In deren Rahmen wurden Aktionspläne entwickelt, deren Umsetzung in der Folge durch ein übergreifendes Monitoring begleitet werden wird. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Herausforderungen, die es bei der Zusammenarbeit über Organisationsgrenzen und Politikfelder hinweg zu bewältigen gilt, überwindbar sind und zu abgestimmten Maßnahmenpaketen führen. Die längerfristigen Zeithorizonte von Missionen erschweren allerdings die Gewährleistung einer dauerhaften politischen Unterstützung in Zeiten knapper Budgets und konkurrierender Politikagenden.”
Teaser: Im Spotlight September wird das Team Wissenschaft der SIGU-Plattform ein Paradebeispiel einer jener komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen präsentieren, die nur im Wechselspiel Technologischer und Sozialer Innovationen bewältigt werden können: nachhaltige Mobilität. Dazu werden erneut zwei Expert:innen zu Wort kommen: Prof. Dr. Wibke Michalk und Seniorprof. Dr. Johannes Weyer.




