© Daniel Krüger
Wie schon in den letzten Jahren traf sich im frühen Oktober die europäische Community auf dem jährlichen Social Innovation Forum in Brüssel, um die Bedeutung Sozialer Innovationen in Europa sowie praktische Ansätze zur Förderung, Umsetzung und Verbreitung Sozialer Innovationen kennenzulernen und das eigene Wissen zu erweitern oder zu teilen. Die Veranstaltung stand in diesem Jahr unter dem Titel: „Building a Common Voice for Social Innovation – bringing together Impact, Evidence, and Success Stories to inspire collective action“.
Das Forum setzt die Social Innovation Plus Initiative im Auftrag der EU-Kommission um und richtet sich an Menschen, die an ganz unterschiedlichen Stellen in Europa mit Sozialen Innovationen arbeiten. Während die Veranstaltungsreihe im Wesentlichen eine Struktur zur Stärkung der Social Innovation Priorität im ESF+ darstellt, ist sie damit längst über diesen Kontext hinausgewachsen und auch für Wissenschaftler:innen im Themenfeld zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden, um mit der Community in Kontakt zu kommen. So finden sich nicht nur diejenigen zusammen, die in Verwaltungsbehörden die Vergabe von ESF-Mittlen in den Mitgliedsstaaten umsetzen, mit der EU-Kommission verbunden sind oder in den Kompetenzzentren für Soziale Innovationen zur Stärkung von Sozialen Innovationen in den Ökosystemen Europas beitragen. Die Veranstaltung richtet sich viel mehr auch an die Mitglieder der unterschiedlichen, ebenfalls durch den ESF+ ermöglichten, Communites of Practice (CoP) (z.B. die CoP Social Innovation) sowie dem ALMA Netzwerk und dem EUROMA Netzwerk. In diesen Communities treffen sich neben Mitgliedern öffentlicher Verwaltung und den Kompetenzzentren regelmäßig auch Sozialinnovator:innen, Mitglieder zivilgesellschaftlicher Unterstützungsorganisationen und der Wissenschaft sowie viele weitere Interessierte und Expert*innen aus ganz Europa. Zusammen mit den Mitgliedern der CoPs versammelt das Forum längst auch Menschen in Brüssel, die sich mit Sozialen Innovationen über den ESF-Kontext hinaus befassen. Somit entwickelt sich die Veranstaltungsreihe zunehmend zu einer Institution und zu so etwas, wie einem Jahrestreffen der europäischen Community.
Die Zukunft Sozialer Innovationen in Europa
Das diesjährige Forum war sowohl durch hochrangige Vorträge geprägt, wie durch thematische Workshops, Möglichkeiten zum Austausch mit Sozialinnovator:innen und zahlreiche Paneldiskussionen. Vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen rund um den neuen mehrjährigen Finanzrahmen der EU (MFR) war das Interesse der Teilnehmenden an den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen von Mitgliedern der Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration sowie aus dem Kabinett der Executive Vice-Presidency für soziale Rechte und Kompetenzen, hochwertige Arbeitsplätze und Vorsorge in der Europäischen Kommission, besonders groß. Es zeigte sich, dass diese unisono die Bedeutung Sozialer Innovationen für Europa und für die Lösung zunehmend komplexer werdender gesellschaftlicher Herausforderungen betonten. In den abschließenden Worten hieß es so auch, dass Soziale Innovation abliefere.
„Social Innovation delivers!“
Genauso wiesen sie aber auch darauf hin, dass es wichtig sei, die tatsächliche Leistungsfähigkeit Sozialer Innovationen in Europa greifbar zu machen und Erfolge nachzuweisen, erfolgreiche Lösungen zu verbreiten sowie als Beitrag für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas zu etablieren.
Soziale Innovationen sind nicht wegzudenken
Die zahlreichen Vorträge und Diskussionen machten anhand der erzielten Erfolge deutlich, dass Soziale Innovationen in Europa längst nicht mehr wegzudenken sind. Rosa Martínez (Staatssekretärin für Soziale Rechte, Spanien) zeigte, dass die Spanische Regierung den Wert sozialinnovativer Lösungen kennt, sie für unverzichtbar hält und mittels von Portfolioansätzen konzertiert nutzt. Sie seien nicht optional.
„Social Innovation is not optional!“

Jürgen Howaldt (TU Dortmund) zeichnete die Erfolge und die Bedeutung Sozialer Innovationen in Europa als Teil eines umfassenden Innovationsverständnisses anhand mehrerer Beispiele nach, machte die Beteiligungen aller gesellschaftlichen Sektoren deutlich und betonte dabei auch die Rolle von Hochschulen. Sowohl Rosa Martinez als auch er hoben zudem hervor, dass es geeigneter Innovationspolitiken bedürfe und dass hier auch zukünftig die EU gefordert sei. Viel Beachtung schenkten die Teilnehmenden auch den Ausführungen in den Keynotes, mit denen die Speaker die Bedeutung von Sozialen Innovationen für ein wettbewerbsfähiges Europa deutlich machten.

Erfahrungen aus der Praxis mit Sozialen Innovationen
Neben Vorträgen und Diskussionen rund um Bedeutung Sozialer Innovationen für und in Europa standen auch ganz praktische Fragen im Fokus. In Workshops sowie Plenarvorträgen lernten die Teilnehmenden insgesamt 12 Projekte kennen, die sozialinnovative Lösungen in den Bereichen Arbeit, Bildung, Inklusion und Migration umsetzen. Diese Projekte sind in der Social Innovation Match (SIM) Datenbank zu finden und wurden daraus ausgewählt.

In Panel-Diskussionen machten die Beteiligten wiederholt deutlich, dass soziale Innovationen von einer partizipativen Entwicklung und Umsetzung profitieren und als langfristige Prozesse verstanden werden müssten. Darüber machten sie weitere Bedarfe deutlich und betonten, dass es noch an geeigneten Ansätzen für die Förderung der Implementierung und Verbreitung von erfolgreichen Sozialen Innovationen fehle, während zeitlich befristete Pilotprojekte oft bereits gut unterstützt würden. Diese seien jedoch nicht zu vergessen, eine Konzentration auf die Skalierung und Verbreitung allein würde das Entstehen neuer Lösungen im Rahmen von Experimenten übersehen. Es benötige daher Beides: Projektförderung und Förderung der langfristigen Etablierung. Etwas kontroverser diskutierten Panelist:innen die Frage, ob eine Förderung sozialinnovativer Projekte durch den ESF zukünftig mit der Pflicht zum transnationalen Austausch im Rahmen von Angeboten der EU verbunden werden solle. Während Einige den Wert solchen Austauschs betonten, damit Lösungen nicht immer wieder von Grund auf neu entwickelt werden müssten, betonten andere Diskutant:innen, dass nicht alle geförderten Organisationen die personellen Ressourcen aufbringen könnten, um an solchen Austauschformaten teilzunehmen, ohne die Umsetzung der Projekte und beispielsweise das Angebot innovativer sozialer Dienste zu gefährden.

Im Rahmen von Workshops präsentierten auch einige der Kompetenzzentren für Soziale Innovationen ihre Erfolge und den Mehrwert, den sie in den Mitgliedsstaaten lieferten. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt dabei das spanische Kompetenzzentrum. Hier hätten Erkenntnisse aus erfolgreich getesteten Lösungen im Bereich innovativer sozialer Dienste Einfluss auf die endgültige Gestaltung der Reform der Pflegebedürftigkeits- und Behindertengesetze gehabt.
Social Innovation Forum: Austausch und Vernetzung
Während die Teilnehmenden des Forums in zahlreichen Vorträge, Workshops und Diskussionen neue Erkenntnisse gewannen, sich aktiv beteiligen konnten und ihre oft langjährigen Erfahrungen einbrachten, besteht der Wert der Veranstaltungsreihe für viele von ihnen auch in der Tatsache, dass sie sich auch jenseits fester Formate austauschen können. In Pausen, auf den Fluren und beim gemeinsamen Abendessen kamen die Stakeholder Sozialer Innovation aus ganz Europa miteinander ins Gespräch, erfuhren mehr über aktuelle Entwicklungen in den Mitgliedsstaaten und vernetzten sich auch über die Veranstaltung hinaus. Somit bietet das Forum nicht nur neue Inhalte sondern auch eine wichtige Gelegenheit für die europäische Community sich als solche weiterzuentwickeln und letztlich langfristig weiter zu etablieren. Und das über die Grenzen von Politik, öffentlicher Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft hinaus.





