Ein Blick auf die Circular Economy

Im Spotlight Wissenschaft widmen wir uns dieses Mal der Circular Economy als sozialinnovativem Ansatz einer veränderten Form des Wirtschaftens. An vielen wissenschaftlichen Einrichtungen setzen sich Wissenschaftler:innen mit dem Themenfeld  auseinander. So forschen sie beispielsweise zu Transformationsprozessen rund um die Circular Economy oder zu Circular Entrepreneurship, vermitteln in der Lehre grundlegendes Wissen oder engagieren sich in der Transferarbeit für Startups mit zirkulärem Ansatz.

Für Einblicke in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kreislaufwirtschaft konnten wir Alexa Böckel vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gewinnen. Wir baten zudem unser Netzwerkmitglied Frederic Kohlhase von der Leuphana Universität Lüneburg darum, seine Perspektiven zu ergänzen.

Fotografie von Alexa Böckel
© Foto: Anna Michalski, CSM, Leuphana

 

Alexa Böckel ist Senior Researcherin und Co-Leitung des Berliner Büros am Wuppertal Institut. Sie forscht zu Circular Entrepreneurship und zirkulärer Transformation.

Fotografie von Frederic Kohlhase
© Foto: Leuphana University

Frederic Kohlhase ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Strategisches Management an der Leuphana Universität Lüneburg und ist dort für die Leuphana Social Innovation Community zuständig.

Alexa, Zirkuläres Wirtschaften ist ja mittlerweile ein breites Feld und weit verbreitete Soziale Innovation – auf welche Inhalte fokussiert Deine Arbeit hierzu schwerpunktmäßig?

Meine Arbeit ist zweigeteilt, in meiner Forschung untersuche ich, was Circular Entrepreneurship auszeichnet und wie Transformationsprozesse zur Circular Economy durch unternehmerische Ansätze angestoßen werden können. In meiner Projektleitung der Innovationscommunity MEHRCE unterstütze ich Innovationsprojekte zwischen Wissenschaft und Praxis, die sich mit der Skalierung von Mehrwegsystemen auseinandersetzen.

Circular Entrepreneurship finde ich vor allem spannend, weil Unternehmer:innen dazu angehalten sind sich die gesamte Wertschöpfungskette anzuschauen, um zirkuläre Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dazu müssen sie ein sehr breites Spektrum an Wissen und Kompetenzen mitbringen. Letztens hat ein Gründer zu mir gesagt, dass er nicht nur dafür zuständig ist eine neue Verpackung zu entwickeln, sondern sich in alle Strukturen und Bedarfe beteiligter Akteure einzudenken und sie sogar aktiv einzubeziehen: „Wir müssen die eierlegende Wollmilchsau sein.“ Und da gebe ich ihm absolut recht.

Als Beispiel: Wenn ein StartUp eine Mehrwegverpackung für Kosmetika entwickeln möchte, müssen sie wissen, welche Chemikalien in den Kosmetika enthalten sind, damit sie einschätzen können, ob die Verpackung chemisch mit dem Inhalt reagiert. Sie müssen sich informieren, wie das Produkt abgefüllt wird, welche Maße von den Produktionsstraßen verarbeitbar sind und ob die Marketingabteilung der Kosmetikfirma sich auf ein standardisiertes Design einlässt. Das Verhalten und die Ansprüche von Endkonsumierenden ist wichtig, damit das Produkt verkauft wird trotz veränderter Packung, gegebenenfalls  Pfandzahlungen und der Notwendigkeit der Rückgabe. Es gilt eine Rückhollogistik und eine Spülinfrastruktur aufzubauen, was meistens Aushandlungen mit dem Handel bedeutet. Und es braucht ein Life Cycle Assessment, um sicherzustellen, dass die Mehrwegverpackung ökologisch sinnvoller ist als die Einwegverpackung und, und, und. Gerade diese komplexen Anforderungen an zirkuläre Gründungen machen sie für mich als Forschende so spannend. Wie unterscheidet sich das Mindset von zirkulären Gründer:innen von anderen Gründer:innen? Wie stellen sie sich zirkuläre Zukünfte vor? Was brauchen sie, um zirkuläre Geschäftsmodelle zu entwickeln? Diese und viele andere Fragen sind Inhalt meiner Forschung.

In unserer Innovationscommunity MEHRCE unterstützen wir den Aufbau dieser Mehrwegsysteme durch finanzielle Förderung, Austauschformate und strategischen Wissenstransfer. Es gibt bereits sehr etablierte Systeme in Deutschland, wie Mehrwegflaschen (Wasser, Bier, Milch), welche von erfahrenen Organisationen und Netzwerken geführt werden. Zeitgleich entwickeln sich viele StartUps und Innovationen, damit auch andere Produkte in Mehrweg verpackt werden können, von Medikamenten, über Gummibärchen bis hin zu Autoreifen. Diese Akteure gilt es zusammenzubringen.

Für mehr Informationen zu MEHRCE geht’s hier entlang:

Alexa, wie kann sich Forschung hier positionieren und siehst Du verschiedene Forschungstrends über die letzten Jahre zu zirkulärem Wirtschaften?

Die Forschung ist ungemein wichtig in der zirkulären Transformation. Die anwendungsbezogene Forschung entwickelt Technologien, die direkt in Unternehmen getestet und implementiert werden können, zum Beispiel KI-gestützte Kameramodelle, die erkennen, ob die Mehrwegverpackung sauber und unbeschädigt ist. Empirische Forschung mit dem Fokus auf Entrepreneurship hilft dabei generalisierbares Wissen zu Erfolgsfaktoren von zirkulären Geschäftsmodellen und Ökosystemen zu gewinnen und über geografische Grenzen hinweg zu lernen. Wir können durch unsere Forschung besser verstehen, was Circular Entrepreneurs motiviert, was sie herausfordert und was sie brauchen um Ressourcen und Materialien einzusparen. Transformative Forschung, manchmal auch ‚Engaged Scholarship‘ genannt, hat vor allem die Transformation der Praxis im Blick. In unserem Projekt haben wir beispielsweise mit Systems Thinking und Mapping gearbeitet, um den Akteuren im deutschen Mehrwegkosmos die Zusammenhänge von verschiedenen Herausforderungen zu verdeutlichen und visuell greifbar zu machen. Plötzlich wird es sichtbar, warum die Umstellung so schwierig ist. Diese Herausforderungen können wir wiederum mit anderen nationalen Kontexten vergleichen und Rückschlüsse auf Einflussfaktoren ziehen.

Alexa, in Deiner aktuellen Arbeit bist Du ja für das Management der DATIpilot Innovationscommunity MEHRCE verantwortlich. Wie stark findet das Thema Zirkuläres Wirtschaften als soziale Innovation hierin Platz und welche Themen bewegen die Community hierzu?

Zirkuläres Wirtschaften als solches steht natürlich im Zentrum der Innovationscommunity. Auch wenn viele sich mit technologischen Innovationen beschäftigen, geht es aber auch darum neue Formen der Zusammenarbeit zu kreieren. In vielen Kontexten ist es wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll geteilte Mehrwegsysteme – sogenannte Poolsysteme – aufzubauen. Dafür müssen sich plötzlich Wettbewerber auf eine gemeinsame Organisationsform, Regeln und Prozesse einigen und Kompromisse eingehen. Dies sind oft langfristige Prozesse, da Vertrauen, neue Standards und enge Zusammenarbeit Zeit brauchen. Und der wichtigste Faktor dabei ist das Verhalten der Menschen, die in den Organisationen arbeiten, es braucht eine innere Bereitschaft und die Fähigkeit an völlig neuen Fragestellungen zu arbeiten.

© Foto: MEHRCE

Frederic, Du bist aktuell ja für den Aufbau einer Social Innovation Community verantwortlich. Wie stark findet das Thema Zirkuläres Wirtschaften als soziale Innovation hierin Platz und welche Themen bewegen die Community hierzu?

Ganz konkret haben wir in unserem Inkubator – dem Holistic Impact Incubator (www.holii.de) – immer wieder zirkuläre Start-ups, die sich verschiedene Produkte und Industrien von Tampons über Taschentücher bis hin zum 3D-Druck anschauen und innovative Produkte und Geschäftsmodelle entwickeln.

Auch in unserer Social Innovation Community ist das Thema relevant und es gibt verschiedenste Akteur:innen, die darauf einzahlen. Zum Beispiel hat gerade das Start-up AllerLeih eine Landesförderung bekommem, um eine digitale Infrastruktur für Leihläden aufzubauen. Auch hier sehen wir also, dass sich die Ideen von einzelnen Produkten hin zu Infrastrukturen für eine Branche entwickeln. Dabei verstehen wir die Community als Raum, in dem unterschiedliche Akteur:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und öffentlicher Hand zusammenkommen, um gemeinsam an gesellschaftlichen Herausforderungen zu arbeiten. Circular Economy ist dabei kein isoliertes Thema, sondern berührt viele der Fragen, die uns beschäftigen: Wie können wir Ressourcen gemeinschaftlicher nutzen? Wie können regionale Wertschöpfungskreisläufe entstehen? Wie verändern wir Konsumpraktiken? Und welche neuen Formen von Kooperation und gemeinschaftlicher Verantwortung braucht es dafür?

Dabei wird auch deutlich, dass zirkuläres Wirtschaften immer eine soziale Dimension hat. Wer besitzt Ressourcen? Wer hat Zugang zu ihnen? Wer entscheidet über ihre Nutzung? Und wer trägt die Kosten einer Transformation? Gerade diese Fragen können durch eine Social-Innovation-Perspektive stärker sichtbar werden.

Für die Community ist deshalb weniger entscheidend, Circular Economy als eigenes Themenfeld abzutrennen. Vielmehr interessiert uns, wie zirkuläres Wirtschaften mit anderen gesellschaftlichen Transformationsprozessen verbunden werden kann – etwa mit neuen Formen des Wirtschaftens, gemeinschaftlicher Organisation, regionaler Entwicklung oder sozialer Gerechtigkeit.

Hier gibt es mehr Informationen zum Holistic Impact Incubator:

Mehr Informationen zur Leuphana Social Innovation Community gibt es hier:

Frederic, an der Leuphana gibt es zum Beispiel den Studiengang Zirkuläres Wirtschaften, der sich mit grundlegenden Strategien einer Kreislaufwirtschaft beschäftigt. Welchen Beitrag kann in Deinen Augen Lehre für die Circular Economy leisten?

Ich muss dazu sagen, dass ich in den Studiengang spezifisch nicht selbst eingebunden bin. Generell kann Lehre aus meiner Sicht einen sehr grundlegenden Beitrag leisten, weil Transformation letztlich auch eine Frage von Kompetenzen, Denkweisen und Haltungen ist. Studierende müssen nicht nur verstehen, was Circular Economy bedeutet, sondern lernen, in Kreisläufen und Systemen zu denken.

Gerade Hochschulen haben dabei die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verbinden. Technische, ökonomische, ökologische und soziale Fragen sollten nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Ein zirkuläres Geschäftsmodell kann beispielsweise ökologisch sinnvoll sein und gleichzeitig an fehlenden Infrastrukturen, falschen Anreizen oder mangelnder Akzeptanz scheitern.

Besonders wichtig finde ich deshalb eine praxisorientierte und transdisziplinäre Lehre. Studierende sollten die Möglichkeit bekommen, mit realen Organisationen und gesellschaftlichen Akteur:innen zu arbeiten, bestehende Systeme zu analysieren und gemeinsam neue Lösungen zu entwickeln. Dabei lernen sie nicht nur Methoden, sondern erfahren auch, wie komplex Transformationsprozesse tatsächlich sind. So haben wir im Master an der Leuphana unter Leitung von Steffen Farny zum Beispiel ein Sustainable Entrepreneurship Zertifikat geschaffen, welches genau auf diesen Prinzipien aufbaut. Im letztem Semester habe ich dort mit Organisationen wie Viva con Agua, Goldeimer, der Social Etrepreneurship Allianz und Avenir Lüneburg einen Kurs zu Systems Thinking angeboten, bei dem die Studierende basierend auf der Denkweise und durch Nutzung der Tools neue Ansätze für bestehende Herausforderungen der Organisationen entwickelt haben.

Alexa, wie stehst du dazu? Welchen Beitrag kann die Lehre hier in Deinen Augen Lehre leisten?

Bildung, Weiterbildung und Lehre sind Kernpfeiler der zirkulären Transformation. Nicht nur Gründer:innen treiben diese Veränderung voran, sondern auch Change Agents innerhalb von bestehenden Organisationen. Es ist essentiell, dass Studierende in ihren Bachelor- und Masterprogrammen von Anfang an zirkuläre Prinzipien an die Hand bekommen, damit zirkuläres Produktdesign, zirkuläre Geschäftsmodelle und Aufklärung von Konsumierenden sich langsam in den Mainstream trägt. Auch in Weiterbildungsprogrammen ist Zirkularität sehr wichtig, da Nachhaltigkeitsmanager:innen sich vermehrt mit Themen wie Verpackungen, End-of-Life Prozessen und Extended Producer Responsibility auseinandersetzen müssen. Es gibt mittlerweile einen Fundus an Frameworks und Tools, die genutzt werden, um zirkuläre Produkte, Geschäftsmodelle und Ökosysteme aufzubauen und Studierende brauchen Zugang und praktische Erprobung dieser Modelle.

Alexa, Zirkuläres Wirtschaften oder Circular Economy bilden auch einen eigenen Zweig im Bereich von Neugründungen und Social Entrepreneurship. Welchen Trend siehst Du bei Social Entrepreneurship im Bereich Zirkuläres Wirtschaften?

Die Verknüpfung von Social Entrepreneurship und Zirkularität ist ein super spannendes und sich entwickelndes Feld, vor allem auf internationaler Ebene. Aktuell wird Abfall, sei es Textilmüll oder Elektroschrott, oft international entsorgt, was erhebliche soziale und ökologische Konsequenzen für Länder des globalen Südens mit sich trägt. Gleichzeitig sind Recyclinginfrastrukturen noch nicht skaliert und die Abfälle landen in der Natur. Hier versuchen Ansätze wie Plastic Credits und Engagement von Waste Pickers entgegenzuwirken, was zu finanzieller Unterstützung, aber auch stärkerer Abhängigkeit führen kann. Unternehmer:innen, welche ohne Rechtsform agieren (‚informal entrepreneurs‘) sind ein wachsender Forschungsschwerpunkt, da sie immens wichtig sind um Materialkreisläufe international zu schließen und zeitgleich zu Prekarität und Benachteiligung führen können. Zirkuläre Transformation muss immer Gerechtigkeitsaspekte mitdenken, national wie auch international und dies gilt auch für Social Entrepreneurs, die sich in der zirkulären Wirtschaft bewegen.

Insgesamt ist zirkuläres Wirtschaften ein sehr diverses und komplexes Themenfeld und Circular Entrepreneurship in all seinen Facetten wird die Forschung die nächsten Jahre sehr stark beschäftigen.

Wer sein Thema in einem Spotlight präsentieren möchte, kann sich an das Team Wissenschaft wenden!

Team Wissenschaft

Fotografie der drei Mitglieder des Teams Wissenschaft.

Wer steckt hinter dem Spotlight Wissenschaft?

Der Einblick in die Kreislaufwirtschaft entstand federführend durch Alexa Böckel und Frederic Kohlhase, in Zusammenarbeit mit dem Team Wissenschaft der TU Dortmund.