Das SIGU-Ökosystem hat sich schnell entwickelt und damit das Potenzial über Kooperationen die Wirkung zu skalieren. Der Beitrag zeigt, wie Kooperationen von losem Austausch bis hin zu Integration und Fusionen gestaltet werden können, welche Erfolgsfaktoren zählen und welche Beispiele aus dem SIGU-Ökosystem zu mehr #GemeinsamWirken inspirieren.
Das SIGU-Ökosystem – Synergien und Kooperation
Das Ökosystem rund um Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGUs) ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Das Wachstum des Unterstützungsökosystems veranschaulicht dies eindrücklich: Während der Deutsche Social Entrepreneurship Monitor (DSEM) von 2018 noch 42 Anlaufstellen ausweist, sind es 2024 bereits 106. Gleichermaßen sind viele der jüngst durch das BMWE-Programm „Nachhaltig Wirken“ unterstützten Organisationen noch gar nicht in der Übersicht zu finden.
Je größer das SIGU-Ökosystem wird, desto besser können einzelne Angebote zu einem stimmigen Ganzen zusammenfinden und gemeinsam mehr erreichen als jede Organisation für sich. Der nächste Schritt heißt deshalb: Synergien sichtbar machen und nutzen, Parallelstrukturen abbauen und den Sektorleitsatz #GemeinsamWirken noch intensiver in der Praxis zu verankern. In unserer Zeit wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen und knapper werdender Ressourcen wird das zu einer strategischen Frage: Was gelingt gemeinsam schneller, günstiger und wirksamer?
Dass das kein „Nice to have“ ist, zeigt sich auch bei der SIGU-Zukunftsfabrik 2025. Hier wurde von den rund 200 Teilnehmenden der Themencluster „Synergie und Kooperation“ als relevantester Punkt für die Weiterentwicklung des Unterstützungsökosystems genannt: Von den 111 kategorisierten Antworten entfielen 51 darauf und damit fast jede zweite Nennung.
Wie sieht der nächste Entwicklungsschritt für das SIGU-Ökosystem aus? In der Zahnrad-Umfrage der SIGU- Plattform wurden von den Teilnehmenden die Wünsche für die Weiterentwicklung des Unterstützungsökosystems gesammelt. Die Auswertung der „Zahnrad-Umfrage“ der SIGU-Zukunftsfabrik 2025 fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen und zeigt konkrete Ideen für zukünftige Zusammenarbeit aus dem Unterstützungsökosystem.
Kooperationen: Von Austausch bis Integration
Kooperation ist nicht gleich Kooperation. Je nach Ziel, Ressourcen und Reifegrad können SIGU-Akteur:innen sehr unterschiedlich intensiv zusammenarbeiten. Im Folgenden zeige ich eine mögliche Orientierung über die verschiedenen Abstufungen, die es von Zusammenarbeit geben kann. Für einen tieferen Einblick in die Prozesse von Kollaboration und Kooperation gibt es den Leitfaden „Gemeinsam wirksam“ vom betterplace lab.
Am Anfang steht oft eine erste Orientierung: Wer macht was für wen und mit welchem Mehrwert? Transparente Mappings, gemeinsame Kalender, gegenseitige Verweislogiken und abgestimmte Einstiegspfade sparen Zeit und Ressourcen auf allen Seiten.
In der der Zahnrad-Umfrage wird genau das als Wunsch genannt: mehr Transparenz über die Zusammenhänge zwischen Akteur:innen sowie vernetzte Beratungsangebote damit Sozialinnovator:innen schneller die passende Unterstützung finden. Auch die OECD unterstreicht in einem aktuellen Bericht „Building Local Ecosystems for Social Innovation“, dass Netzwerke in (lokalen) Ökosystemen eine zentrale Vermittlungsrolle übernehmen, weil sie Ideen, Ressourcen und Menschen verbinden und damit zielgerichtete Zusammenarbeit einfacher möglich machen.
Auf der nächsten Stufe werden Angebote aktiv aufeinander abgestimmt: gemeinsame Veranstaltungsreihen und Themenmonate entwickelt, einheitliche Qualitätskriterien oder geteilte Materialien erstellt. Das senkt die Kosten, erhöht die Wiedererkennung und erleichtert damit die Kommunikation über die eigene Blase hinaus. Auch in der Auswertung der Zahnrad-Umfrage wurden das Teilen von Best Practices, Daten, Technologien und gemeinsam genutzten Services (Shared Services) genannt. Wie es beispielsweise beim internationalen Social Enterprise Day bereits Praxis ist. Hier werden die Kommunikation und Veranstaltungsangebote aus dem SIGU-Umfeld gebündelt.
Kollaboration geht über Koordination hinaus: Akteur:innen entwickeln gemeinsam neue Lösungen und tragen Verantwortung zusammen. Der Leitfaden „Gemeinsam wirksam“ des betterplace lab nennt dafür wiederkehrende Erfolgsfaktoren:
- klare Intention
- Rollenklärung
- Vertrauen
- gemeinsame Verantwortung
- eine lernende Haltung.
Die britische Nesta als Pionierin unter den nationalen Stiftungen zur Förderung Sozialer Innovationen beschreibt ähnliche Prinzipien für wirkungsorientierte Partnerschaften
- klare Outcomes
- transparente Arbeitsteilung
- Routinen für Lernen und Anpassung
- gemeinsamer Mission
- geteilter Wirkungsmessung
- sich ergänzenden Aktivitäten
- kontinuierlicher Kommunikation
- koordinierende Unterstützungsstruktur im Hintergrund (Backbone-Organisation)
Wenn Kooperation dauerhaft zur Kernaufgabe einer Organisation wird, kann eine Integration sinnvoll sein: Beispielsweise können gemeinsame Trägerstrukturen entwickelt, Genossenschaften/Joint Ventures aufgebaut oder gänzlich fusioniert werden. Value for Good hat hierzu kürzlich eine Studie veröffentlicht. Darin wird erklärt, wie Fusionen helfen können, die eigene Wirkung zu sichern und Ressourcen zu bündeln. Zudem können so bisher ungenutzte Potenziale für die Skalierung vom Wirken genutzt werden.
Inspirierende Beispiele aus dem SIGU-Umfeld

Die folgenden Beispiele veranschaulichen, auf welch unterschiedliche Weise sektorintern, aber auch sektorextern Kooperationen funktionieren können. Wie gemeinsam Ressourcen geschont, Wirkung und Reichweite aber erhöht werden können.
Kooperationen zwischen Unterstützungsorganisationen
Wie Kooperation auch in dezentralen Strukturen funktioniert, zeigt ein Blick auf die internationale Ebene: Das weltweite Impact-Hub-Netzwerk verbindet über 120 lokale Hubs für ihre über 17.000 Mitglieder. Für die einzelnen Hubs liegt der Mehrwert vor allem in der gemeinsamen Sichtbarkeit und Marke, im Austausch erprobter Formate sowie in der Möglichkeit, Angebote schneller zu skalieren, statt sie überall wieder neu zu entwickeln. Für die Mitglieder entsteht ein grenzüberschreitendes Netzwerk: Sie profitieren von Zugängen zu potenziellen Partnern, Expert:innen und Märkten in anderen Städten, können damit leichter Kooperationen einleiten und finden überregionale Lern- und Austauschformate. So wird aus vielen lokalen Communities ein gemeinsamer Resonanzraum, der die Reichweite, Qualität und Wirkung seiner Mitglieder erhöht.
Es sind aber nicht nur die Unterstützungsorganisationen des engeren SIGU-Sektors, die miteinander kooperieren. Zunehmend klinken sich auch Akteure aus Wohlfahrt, Wirtschaft oder der Verwaltung als aktive Partner solcher Kooperationen ein:
- Die Innovationsplattform SINN-Sachsen oder das Kompetenzzentrum für Soziale Innovationen (KoSI) werden beispielsweise gemeinsam von Organisationen aus dem Social Entrepreneurship-Umfeld und etablierten Wohlfahrtsorganisationen getragen und umgesetzt.
- Bayern bringt gemeinsam mit der Social Entrepreneurship Akademie über den Social Startup Hub die Angebote zur Entwicklung und Skalierung sozial-innovativer Lösungen an die Gründerzentren.
- Hamburg hat ein starkes Bündnis aus Organisationen von Stiftungswesen, Wohlfahrt, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft – die Hamburger Allianz für Social Entrepreneurship e.V. (SocEnt HH) – als gemeinsame Dachorganisation ins Leben gerufen.
Das letzte Beispiel zeigt den Wirkungshebel in der Praxis. SocEnt HH ermöglicht konkrete lokale Wirkungspartnerschaften: Unterstützungsakteur:innen, Verwaltung und Praxispartner arbeiten gemeinsam gezielt an Lösungen lokaler Problemlagen. Sie übernimmt damit eine Wegweiserfunktion im Unterstützungsökosystem, sodass Sozial:innovator:innen schneller die passenden Anlaufstellen finden. Anhand einer gemeinsamen Kommunikationskampagne wird die Sichtbarkeit und Reichweite einzelner Akteur:innen erhöht und schafft darüber hinaus in der Stadtbevölkerung ein besseres Verständnis für Social Entrepreneurship und Soziale Innovationen.
Dadurch wird eine stärkere Verzahnung der verschiedenen Unterstützungsangebote ermöglicht und Lücken geschlossen, die ein:e Akteur:in alleine kaum realisieren könnte.
Kooperationen zwischen Finanzierungsakteuren
Auch im Finanzierungsumfeld etablieren sich zunehmend neue und wirksame Kooperationen. Während sich Crowdfunding bereits seit Jahren für die Zielgruppe der SIGUs als wichtiges Finanzierungsinstrument einer gemeinsamen Lösungsfinanzierung durch die Bürger:innen etabliert hat, sieht man zunehmend auf institutioneller Ebene neue und schlagkräftige Kooperationen.
- Über die TogetherFoundation beispielsweise haben sich mittlerweile über 180 Persönlichkeiten zusammengeschlossen, um die Ressourcen und das Know-how für eine neue Form der Philanthropie zu bündeln.
- Der Welcome Alliance Fund kombiniert öffentliche und private Mittel, um Kollaborationsprojekte aus den Bereichen Migration und Integration schneller und effektiver zu fördern. Zudem erfolgen die Entscheidungsprozesse stärker auf Augenhöhe und der Vergabeprozess wird transparenter gestaltet.
Kooperationen zwischen Sozialunternehmen und Sozialinnovator:innen
Besonders sichtbar wird das Potenzial von Kooperation, wenn viele Akteur:innen an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. So organisiert ProjectTogether missionsorientierte Prozesse, in denen die Stakeholder aus den relevanten Sektoren gemeinsam an systemischen Lösungen arbeiten. In jüngster Zeit setzt sich das Prinzip auch zunehmend auf lokaler Ebene durch, wie die Wirkungspartnerschaften in Hamburg zeigen. Das Prinzip beschreibt die Social Entrepreneurship Allianz Hamburg in ihrem ersten Wirkungsbericht folgendermaßen:
Um mehr gesellschaftliche Wirkung zu ermöglichen, trommelt die Allianz die Akteur:innen aus vielen Sektoren zusammen. Das Ziel: Gesellschaftliche Herausforderungen der Stadt Hamburg angehen. Das Motto: Gemeinsam geht mehr.

#GenoDigital liefert ein weiteres Beispiel: Das Netzwerk bringt Akteur:innen aus jungen und etablierten Genossenschaften zusammen, um die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen im Einklang mit den Potenzialen der Digitalisierung zu modernisieren. Inzwischen sind Genossenschaften die digitalste Rechtsform. Mit dem gewachsenen Vertrauen der Gemeinschaft arbeitet das Team nun daran, Genossenschaften wieder populärer zu machen. Bei dem nächsten GenoCamp am 17. April in Berlin werden genossenschaftliche Allianzen sogar zum Schwerpunkt. Damit wird bereits auf die nächsten Schritte einer engeren Zusammenarbeit hingearbeitet.
Einen besonders pragmatischen Weg zur Skalierung von SIGUs eröffnet Snowball Effect: Die Organisation sorgt dafür, dass das Rad nicht immer wieder neu erfunden wird. Sie bringt Menschen, die gesellschaftliche Herausforderungen vor Ort lösen wollen, gezielt mit wirksam erprobten SIGU-Lösungen zusammen. Über Formate wie lokale „Solutions Exhibitions“ (die nächste findet am 16. März in München statt) und „Replication Challenges“ werden kuratierte, lokal replizierbare Modelle sichtbar gemacht. Damit werden angehende Sozialunternehmer:innen dabei unterstützt, eine passende Lösung auszuwählen, um diese vor Ort ins Wirken zu bringen. Das Lernen „aus erster Hand“ steht hierbei im Zentrum: Teilnehmende erhalten Zugang zu Erfahrungen, Materialien und Mentoring der ursprünglichen Gründer:innen und arbeiten daran die konkrete Lösung auf die Gegebenheiten vor Ort anzupassen. So wird Skalierung als Kooperation zwischen dem Gründungsteam und Replikator:innen organisiert und bewährte Innovationen können schneller verbreitet werden, ohne dass jede Region wieder bei null anfangen muss.
Viele der jüngsten Beispiele aus der Praxis gelebter Kooperationen zeigen, dass für die Umsetzung und Koordination immer öfter eine gemeinsame Anlaufstelle initiiert wird oder ein Intermediär diese Aufgabe übernimmt, der sich explizit auf die Umsetzung von Kooperationsmodellen fokussiert und diese in seiner Organisations-DNA trägt. Dies trägt dazu bei, dass Kooperationen im Tagesgeschäft nicht untergehen und damit ihre Wirkungspotenziale besser entfalten können
Was Kooperation im SIGU-Umfeld leichter macht
Aus den genannten Studien, dem Austausch mit der Praxis sowie den Wünschen aus der Zukunftsfabrik lassen sich konkrete Fragen ableiten, die wichtig für den erfolgreichen Aufbau von Kooperationen sind:
- Wozu dient die Kooperation? Ein gemeinsames Problem muss benannt und ein klares Nutzenversprechen sollte ausgearbeitet werden.
- Wer übernimmt welche Rolle? Verantwortung, Entscheidungen sowie Ressourcen müssen klar benannt und organisiert werden.
- Was wird geteilt? Das Teilen von Ressourcen, Daten, Kontakte, Tools, Räume oder Kommunikation sollte bewusst vereinbart werden.
- Wirkungsziel als gemeinsamer Anker? Eine Beschreibung des Ziels mit einem kompakten Set von Indikatoren gibt Orientierung für die gemeinsame Umsetzung.
- Wie bleibt Lernen möglich? Gerade bei komplexeren Kooperationsvorhaben ist es wichtig regelmäßig innezuhalten, zu reflektieren und Anpassungen im Sinne des gemeinsamen Ziels vorzunehmen.
Das SIGU-Ökosystem hat in kurzer Zeit enorme Dynamik entwickelt. Der nächste Hebel liegt weniger in noch mehr Einzelangeboten, sondern in kluger Verbindung: Kooperationen, die Ressourcen bündeln, Türen zwischen Sektoren öffnen und gute Lösungen schneller in die Breite bringen.





