Interview mit Hannah Göppert und Max Bohm von Faktor D

Faktor D ist ein strategisches Netzwerk für Demokratie und will eine neue Kooperationskultur in der deutschsprachigen Demokratiewelt etablieren. In dem Interview geben Hannah Göppert und Max Bohm – Co-Geschäftsführer:in Deutschland von Faktor D – Antwort auf unsere Fragen.

Wer steht hinter Faktor D und was bietet ihr an?

Faktor D ist das strategische Netzwerk für Demokratie im deutschsprachigen Raum. Getragen wird es von der Initiative Offene Gesellschaft in Berlin, Demokratie21 in Wien und dem Campus für Demokratie in Bern.

Wir richten uns an Menschen, die beruflich direkt oder indirekt an Demokratie arbeiten – in Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Bildung, Medien, Wirtschaft und Kultur. Wir vernetzen sie über Länder- und Sektorgrenzen hinweg, schaffen Räume für Wissensaustausch, Beziehungsaufbau und gemeinsames strategisches Arbeiten und bringen Menschen zusammen, die demokratische Kultur stärken wollen. Daraus entstehen gemeinsame Projekte, praktische Werkzeuge und kollektive Initiativen. Einmal im Jahr veranstalten wir außerdem das Mitmacht-Festival, das größte Demokratiefestival im deutschsprachigen Raum.

Was sind eure Ziele und wie wirkt ihr?

Unser Ziel ist es, Demokratie durch kollektive Strategien wirksamer zu stärken.

Ausgangspunkt von Faktor D war eine einfache Beobachtung: Autoritäre Kräfte arbeiten oft sehr koordiniert. Sie teilen Wissen, Ressourcen und Strategien und verfolgen gemeinsame Ziele.

Demokratische Akteur:innen tun das bislang zu selten. Dabei gibt es in der Demokratiewelt bereits viele gute Ideen, erfolgreiche Projekte und engagierte Organisationen. Zu oft arbeiten sie jedoch nebeneinander statt miteinander, konkurrieren um dieselben Ressourcen oder entwickeln ähnliche Lösungen parallel.

Genau hier setzen wir an. Wir bringen Menschen und Organisationen zusammen, fördern den Austausch von Wissen und Erfahrungen und schaffen Räume für gemeinsames strategisches Arbeiten. Unser Ziel ist es, dass erfolgreiche Ansätze schneller verbreitet, voneinander gelernt und Wirkung gemeinsam verstärkt wird.

Wie organisiert ihr euch als kollaboratives Netzwerk?

Faktor D wird von drei Trägerorganisationen getragen: der Initiative Offene Gesellschaft in Berlin, Demokratie21 in Wien und dem Campus für Demokratie in Bern. Gemeinsam bilden wir ein länderübergreifendes Team für den deutschsprachigen Raum.

Hannah Göppert und Max Bohm von Faktor D
Hannah Göppert und Max Bohm © Faktor D

Inhaltlich organisieren wir uns in sogenannten Allianzen. Das sind strategische Netzwerke zu konkreten Demokratiethemen, in denen Akteur:innen aus verschiedenen Ländern und Sektoren zusammenarbeiten.

Jede Allianz entwickelt zunächst ein gemeinsames Zukunftsbild und konkrete Ziele. Auf dieser Grundlage entsteht koordiniertes Handeln: gemeinsame Projekte, Werkzeuge und Kampagnen, die auf gesellschaftliche Veränderung abzielen.

Dabei geht es selten darum, etwas völlig Neues zu erfinden. Häufig sind gute Lösungen bereits vorhanden. Unsere Aufgabe besteht darin, vorhandenes Wissen sichtbar zu machen, erfolgreiche Ansätze zu bündeln und ihre Verbreitung zu erleichtern.

Einmal im Jahr bringt das Mitmacht-Festival die Allianzen und viele weitere demokratische Kräfte zusammen. Dort werden Erfahrungen geteilt, neue Kooperationen aufgebaut und gemeinsame Strategien weiterentwickelt.

Mit welchen Akteur:innen arbeitet ihr co-kreativ zusammen?

Die Zusammensetzung unserer Allianzen richtet sich jeweils nach dem Thema. In der Regel arbeiten darin rund dreißig Organisationen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Medien zusammen.

Ein Beispiel ist unsere Allianz zu sogenannten Dritten Orten – hier kooperieren wir beispielsweise mit der Körber-Stiftung als strategischem Partner. Gemeinsam mit Stiftungen, Forschungseinrichtungen und Praxisakteuren beschäftigen wir uns dort mit der Frage, wie Dritte Orte demokratische Kultur stärken können.

Ein Ergebnis dieser Allianz ist ein Demokratie-Guide für Bibliotheken. Er bietet Mitarbeitenden konkrete Methoden, um Demokratiebildung und gesellschaftlichen Austausch zu fördern.

Besonders wichtig ist dabei nicht allein das Produkt selbst. Wirkung entsteht vor allem dadurch, dass relevante Bibliotheksverbände und Fachstellen von Beginn an beteiligt waren und die Ergebnisse aktiv verbreiten – allein in Deutschland werden so etwa 8.000 Bibliotheken mit 25.000 Mitarbeitenden erreicht. So gelangen gute Ansätze dorthin, wo sie tatsächlich genutzt werden können.

Generell setzen wir auf eine Mischung aus strategischen Partnern und Umsetzungsakteuren. Unser Ziel ist nicht, nur gute Konzepte zu entwickeln, sondern sie gemeinsam wirksam zu machen.

Auch unsere Förderpartner begleiten uns strategisch. Die Breite dieser Zusammenarbeit zeigt sich besonders beim Mitmacht-Festival, wo Organisationen, Unternehmen, Stiftungen und Engagierte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammenkommen.

Welchen Themen widmet ihr euch in den Allianzen?

Demokratie ist ein weites Feld. Deshalb bündeln wir Herausforderungen in thematischen Missionen und bauen darum jeweils eine Allianz auf. Im Mittelpunkt steht für uns demokratische Kultur: Also weniger die Frage von Wahlen oder institutionellen Prozessen als die Frage, wie Demokratie im Alltag erlebt, gelernt und praktiziert wird. Welche Infrastrukturen braucht eine demokratische Gesellschaft? Wie entstehen Vertrauen, Beteiligung und Zusammenhalt?

Aktuell arbeiten wir vor allem zu zwei Themen: In der Mission „Treffpunkt Demokratie” beschäftigen wir uns mit Dritten Orten als Räumen der Begegnung. In der Mission „Informierte Demokratie” geht es um die Frage, welche Öffentlichkeiten, Medien und Informationsräume Demokratie braucht.

Darüber hinaus befassen wir uns mit vier zentralen Themenfeldern:

  • Partizipation: Wie können Menschen stärker mitgestalten?
  • Öffentlichkeit: Welche Medien ermöglichen demokratische Meinungsbildung?
  • Narrative: Welche Geschichten stärken demokratische Zuversicht?
  • Orte der Begegnung: Wo erleben Menschen Demokratie im Alltag?

Unser Ansatz ist immer derselbe: Wir identifizieren funktionierende Lösungen und überlegen gemeinsam, wie sie breiter wirksam werden können.

Wie funktionieren eure Innovations- und Skalierungsprozesse?

Unsere Prozesse verbinden Strategieentwicklung und praktische Umsetzung. Im Innovationsprozess bringen wir unterschiedliche Perspektiven zusammen, identifizieren zentrale Herausforderungen und entwickeln über mehrere Monate hinweg neue Lösungsansätze. Besonders vielversprechende Ideen unterstützen wir dabei, erste Praxistests durchzuführen.

Der Skalierungsprozess dreht die Logik um: Wir suchen per Open Call nach Ansätzen, die bereits funktionieren, und fragen: Wie können sie mehr Menschen erreichen? Der Demokratie-Guide für Bibliotheken ist ein Beispiel dafür. Mehr als 40 Bibliotheksfachkräfte und Expert:innen aus der politischen Bildung haben ihre Erfahrungen eingebracht und gemeinsam ein praxisnahes Werkzeug entwickelt.

Ein weiteres Beispiel ist unser Leitfaden für demokratische Kommunikation. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass autoritäre Bewegungen häufig strategisch, verständlich und emotional kommunizieren. Demokratische Akteur:innen verfügen zwar über starke Werte und überzeugende Lösungen, kommunizieren jedoch oft zu fragmentiert. Deshalb haben 33 Expert:innen aus Kommunikationswissenschaft, Journalismus, Zivilgesellschaft, Agenturen und Content Creation ihr Wissen gebündelt. Entstanden ist ein praxisorientierter Leitfaden, der als Prototyp in Form eines KI-Bot verfügbar ist und kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Ihr plant ein Demokratie-Playbook – mit welcher Vision und welchem Inhalt?

Autoritäre Kräfte arbeiten oft entlang gemeinsamer Strategien. Demokratische Akteur*innen verfolgen dagegen ähnliche Ziele, handeln aber häufig nebeneinander statt miteinander. Mit dem Demokratie-Playbook wollen wir deshalb eine gemeinsame strategische Agenda für Deutschland, Österreich und die Schweiz entwickeln.

Jede Allianz erarbeitet ihr eigenes Playbook. Darin werden Herausforderungen analysiert, Zukunftsbilder entwickelt und konkrete Strategien sowie Werkzeuge festgehalten. Die Ergebnisse werden anschließend zu einem übergreifenden Zukunftsplan für die Demokratie zusammengeführt. Ziel ist es, diesen bis 2028 fertigzustellen und so Orientierung für die kommenden Jahre zu schaffen.

Entscheidend ist für uns jedoch nicht das Dokument selbst, sondern die Zusammenarbeit, die daraus entsteht. Das Playbook ist weniger ein Buch als ein Werkzeug für gemeinsames Handeln.

Mit welchem Fokus findet das Mitmacht-Festival in Berlin statt?

Das Mitmacht-Festival findet vom 23. bis 26. September 2026 an der SRH University in Berlin statt, erstmals gemeinsam mit der reCampaign.

Der diesjährige Schwerpunkt lautet „Narrative und demokratische Gestaltungsmacht“. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie demokratische Akteur:innen stärker eigene Themen setzen können, statt nur auf populistische oder autoritäre Erzählungen zu reagieren.

In Workshops, Panels, Strategierunden und Keynotes diskutieren wir, welche Geschichten Menschen verbinden, wie Reichweite für demokratische Anliegen entsteht und wo gemeinsame Sprache hilfreich sein kann. Dabei steht immer die Praxis im Vordergrund: Was funktioniert bereits und was können wir voneinander lernen?

Außerdem stellen wir dort erstmals unseren Leitfaden für demokratische Kommunikation einer breiteren Öffentlichkeit vor.

Mitmacht-Festival 2026

Vom 23.-26.9. findet das Mitmacht-Festival an der SRH University in Berlin statt.

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Wo seht ihr aktuell besondere Herausforderungen und Potenzial für Demokratie in Deutschland?

Die Herausforderungen sind enorm: Wir befinden uns wenige Tage vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Dort besteht die Gefahr, dass eine rechtsextreme Regierung gewählt wird. Das wäre eine große Belastung für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Wirtschaft.

Gleichzeitig erleben wir, dass demokratische Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen zunehmend unter Druck geraten. Menschen, die sich für Demokratie engagieren, werden häufiger angefeindet, delegitimiert oder eingeschüchtert. Viele Strategien, die wir zunächst international beobachten konnten, sind inzwischen auch im deutschsprachigen Raum sichtbar.

Dabei zeigen aktuelle Studien ein spannendes Bild: Die Unterstützung für demokratische Grundwerte bleibt hoch, doch viele Menschen sind unzufrieden damit, wie Demokratie im Alltag funktioniert. Eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre wird deshalb sein, Demokratie nicht nur zu verteidigen, sondern sie spürbar zu verbessern.

Was uns Hoffnung macht und aus unserer Sicht das größte Potenzial darstellt: Überall engagieren sich Menschen mit großem Einsatz für die Demokratie. In Vereinen, Bibliotheken, Schulen, Kulturzentren, Unternehmen, Kirchen und natürlich auch in Parteien. Der Mut, das Engagement und die Strukturen sind da.

Diese Menschen und Organisationen besser zu vernetzen, ihre Wirkung zu verstärken und ihnen mehr Sichtbarkeit zu geben als den autoritären Kräften: Genau darin sehen wir die Aufgabe von Faktor D.

Wie kann man euch unterstützen und was können wir als Einzelne heute bewirken?

Die wichtigste Unterstützung ist, Teil des Netzwerks zu werden und sich mit anderen zu verbinden. Wer mitdiskutieren möchte, kann an unseren Veranstaltungen teilnehmen oder sich in einer Allianz engagieren. Wer fachlich tiefer einsteigen möchte, kann am Demokratie-Playbook mitarbeiten. Stiftungen und Unternehmen können unsere Arbeit finanziell unterstützen.

Demokratie entsteht nicht aus einem Masterplan und nicht nur an Wahltagen. Sie entsteht aus Beziehungen und Vertrauen, die wir miteinander aufbauen.

Porträt von Constanze Heber

Das Interview führte Constanze Heber – Kommunikation & Community bei der SIGU-Plattform

Meine Tipps: Nehmt am Mitmacht-Festival teil, nutzt den KI-Werkzeugkasten für demokratische Kommunikation von Faktor D, vernetzt und unterstützt Das Nettz und bleibt zusammen im Dialog.