Rohstoffe werden immer knapper, die Folgen des Klimawandels immer deutlicher und Lieferketten haben sich zum zentralen geopolitischen Risiko entwickelt. Die lineare Wirtschaft ist an ihre Grenzen gekommen. Cradle to Cradle zeigt, wie Produkte von Anfang an für den Kreislauf gedacht werden können und wie wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln mehr bewirken kann, als nur Schaden zu begrenzen.
Unsere Wirtschaft folgt bis heute überwiegend einem einfachen Muster: Wir fördern Rohstoffe und verarbeiten sie zu Produkten. Nachdem wir die Produkte verkauft und konsumiert haben, entsorgen wir die meisten davon. Was am Anfang der Kette wie Wachstum aussieht, wird am Ende zum Verlust. Wir verlieren wertvolle Ressourcen, verschlechtern die Qualität von Luft, Böden und Gewässern, dezimieren die Artenvielfalt und setzen durch den Einsatz toxischer Materialien wie Flammschutzmitteln in Kunststoffen unsere eigene Gesundheit aufs Spiel. Die Folgen dieser linearen Logik spüren wir längst als strukturelle Probleme.
Denn gleichzeitig werden viele der Rohstoffe knapp, auf die künftige Technologien angewiesen sind. Kupfer, Lithium und Seltene Erden lassen sich nicht beliebig vermehren und ihre Förderung konzentriert sich auf wenige Länder.
Wer heute Batterien, Chips oder Windkraftanlagen bauen will, gerät damit in eine Abhängigkeit, die längst nicht mehr nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch ist. Eine Wirtschaft, die weiter linear denkt und handelt, untergräbt damit schrittweise ihre eigene Grundlage.
Cradle to Cradle: mehr als Kreislaufwirtschaft
Genau hier setzt Cradle to Cradle an: Nicht am Ende der Kette, sondern an ihrem Anfang. Der Unterschied zur Circular Economy, wie sie derzeit in der Breite diskutiert wird, liegt in diesem Ansatzpunkt. Circular Economy oder Kreislaufwirtschaft denkt schwerpunktmäßig nach wie vor von der Abfallvermeidung am sogenannten Lebensende eines Produkts her: Vermeidung, Wiederverwendung, Reparatur und Recycling sollen die Folgen linearer Produktion nachträglich abmildern.
Cradle to Cradle dagegen beginnt beim Design. Ein Produkt wird von vornherein für seine geplante Nutzung entwickelt, mit Materialien, die dafür toxikologisch sicher und geeignet sind und die sich danach vollständig zurückführen lassen und zum Nährstoff für ein neues Produkt werden können.
Materialien, die nur gebraucht werden, werden so verarbeitet, dass sie innerhalb der Technosphäre zirkulieren. Gelangen Materialien bei der Nutzung in die Umwelt, werden sie also verbraucht, dann müssen sie auch dafür geeignet sein, sicher in der Biosphäre zirkulieren zu können. Auch Materialien der Biosphäre können in technischen Kreisläufen zirkulieren, bevor sie in die Umwelt zurückkehren.
Damit das gelingt, gehören mehrere Ebenen untrennbar zusammen:
- Am Anfang stehen gesunde Materialien: Stoffe, die für Mensch und Umwelt unbedenklich sind und sich sortenrein zurückführen lassen.
- Hinzu kommt, wie produziert wird – mit erneuerbaren Energien aus kreislauffähig gebauten Anlagen und unter Schutz oder Aufbau von Boden-, Luft- und Wasserqualität, ebenso wie unter Einhaltung sozialer Standards entlang der gesamten Lieferkette.
- Und schließlich braucht es Geschäftsmodelle, die Rücknahme und Rückführung nicht dem Zufall überlassen, sondern sie von Beginn an mitdenken, damit Materialien und Komponenten tatsächlich im Kreislauf bleiben.
Was ist Cradle to Cradle?
Cradle to Cradle ist kein Feintuning der Abfallwirtschaft, sondern ein eigenes Denk- und Designprinzip für Produkte, Gebäude, Prozesse und Systeme zwischen Industrie- und Agrarsektor sowie für den Wiederaufbau geschädigter Ökosysteme. Das Konzept wurde bereits in den 1990er-Jahren vom deutschen Chemiker Prof. Michael Braungart und dem US-Architekten William McDonough entwickelt. Heute setzen es tausende Unternehmen und Kommunen weltweit um.
Wie C2C NGO das Thema in die Breite bringt
Gegründet 2012, ist Cradle to Cradle NGO heute die weltweit größte Organisation, die sich explizit für Cradle to Cradle einsetzt. Die NGO selbst versteht sich als Vernetzerin zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft und macht Cradle to Cradle an mehreren Orten sowie durch Labor- und Transformationsprojekte konkret erfahrbar.
Ein zentraler Ort dafür ist das C2C LAB in Berlin, das Bildungszentrum und Reallabor der gemeinnützigen Organisation. Es ist die weltweit erste Sanierung einer Gewerbeeinheit im Plattenbau nach Cradle to Cradle-Kriterien, umgesetzt in zwei Bauabschnitten und inzwischen um einen Community Hub als zirkulären Eventspace erweitert. Hier lassen sich Materialien und Bauweisen, die für Kreisläufe gedacht sind, nicht nur erklären, sondern direkt anfassen und erleben. Der Hub kann für Workshops, Events oder Bildungsformate von anderen Organisationen genutzt werden.
Wie sich diese Prinzipien auf ganz andere Maßstäbe übertragen lassen, zeigte Labor Tempelhof. Gemeinsam mit Loft Concerts, KKT und Side by Side Eventsupport hat die C2C NGO insgesamt sechs Konzerte von “Die Ärzte” und “Die Toten Hosen” auf dem Tempelhofer Feld zu einem Testfeld für klima- und ressourcenpositive Großveranstaltungen gemacht. Bei bis zu 60.000 Besuchenden pro Konzert wurden Produkte und Prozesse konsequent auf ihre Kreislauftauglichkeit geprüft – vom Catering bis zur Infrastruktur – und die Erkenntnisse in einem öffentlichen Guidebook dokumentiert, damit auch andere Veranstaltende davon profitieren können.

Nachhaltlige Transformation & innovative Festivals
Mehr dazu könnt ihr im Interview mit Tabea Kaplan von Loft Concerts lesen.
Zum InterviewDie im Juni 2026 gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung und der Röchling Stiftung gestartete C2C Electronics Initiative zielt auf die Zukunftsbranche der Elektronikgeräte ab. Sie bringt Unternehmen, Forschung und Zivilgesellschaft zusammen, um Cradle to Cradle dort zum Standard zu machen, wo besonders viele kritische Rohstoffe nachgefragt und verbaut werden. Die Initiative versteht sich dabei als Ermöglicherin, die Wissen bündelt und Partner zusammenbringt, nicht als alleinige Akteurin. Sie ist auf drei Jahre angelegt und bleibt offen für neue Partner und Ideen. Die NGO wird mit der Initiative auch durch einen Stand sowie bei Bühnenformaten auf der IFA Berlin vom 4.–8. September 2026 vertreten sein.
Internationaler Cradle to Cradle Congress
Zusammengeführt werden all diese Stränge jährlich beim Internationalen Cradle to Cradle Congress, der seit 2014 als größte Plattform für Cradle to Cradle und Circular Economy weltweit gilt. Am 17. und 18. September 2026 findet er zum zehnten Mal statt, mit Podiumsdiskussionen, Keynotes und rund 1.000 Teilnehmenden, die zwei Tage lang gemeinsam an der Frage arbeiten, wie sich C2C und eine durchgängige Circular Economy in Deutschland und darüber hinaus tatsächlich umsetzen lassen.
Cradle to Cradle Congress
Als SIGU-Plattform sind wir Netzwerk-Partner des 10. Internationalen Congresses am 17. & 18.9.2026 in Berlin.
Zum Event
Zusammen wird es noch besser
Cradle to Cradle steht der klassischen Nachhaltigkeitsdebatte, der Circular Economy-Diskussion und dem Umweltschutz nicht entgegen. Viele Ziele überschneiden sich und C2C NGO versteht sich ausdrücklich als Teil dieser breiteren Bewegung. Der Unterschied liegt eher in der Blickrichtung, mit der diese Ziele erreicht werden sollen.
Klassische Nachhaltigkeit fragt oft, wie sich Schaden begrenzen lässt, wie Menschen weniger schädlich sein können. Cradle to Cradle fragt, wie gesellschaftliches, und damit auch wirtschaftliches, Handeln aktiv etwas Positives beitragen kann – ökonomisch, ökologisch und sozial zugleich.
Menschen und Organisationen werden nicht in erster Linie als Belastung für die Erde gesehen, sondern als Gestaltende, die durch ihr Handeln positive Wirkung erzeugen können: für gesunde Böden, saubere Luft, stabile Lieferketten, faire Arbeitsbedingungen und eine lebenswerte Zukunft für alle.
Wie viele Organisationen und Menschen diesen Weg inzwischen mitgehen und was heute schon möglich ist, wird sich beim Internationalen Cradle to Cradle Congress im September 2026 wieder zeigen.




