Unsere Kollegin Katrin Bauer hat einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt am Manchester Institute of Innovation Research verbracht. Zwischen Fußball und Doppeldecker-Bussen forschte sie zu Sozialer Innovation im öffentlichen Sektor. Eine Erfahrung, die sie allen Wissenschaftler:innen empfiehlt.
Das Manchester Institute of Innovation Research – kurz MIOIR – kannte ich bereits von einem kürzeren Besuch. Doch diesmal sollte die Stadt für drei Monate nicht nur ein Ort für Seminare und Gespräche sein, sondern ein neuer Forschungs- und Lebensalltag. Mit Rucksack und bequemen Schuhen machte ich mich am ersten Tag zu Fuß auf den Weg zur Arbeit: vorbei an Kanälen und den für Manchester typischen Backsteingebäuden, hin zur University of Manchester mit ihrem traditionsreichen, internationalen Campus und der Alliance Manchester Business School mit ihrer modernen Eingangshalle und den Commons.
Zwischen Stadt, Verkehr, Universität und internationalem Forschungsumfeld begann mein Aufenthalt am MIOIR. In den folgenden Monaten ging es um die Weiterentwicklung meiner Forschung zu Sozialen Innovationen, aber ebenso um neue Perspektiven auf regionale Transformation, Forschungsalltag und das Leben in einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.
Dass Greater Manchester mit Andy Burnham einen politisch prägenden Mayor hatte, begegnete mir später an verschiedenen Stellen wieder. Seine Arbeit war eng mit Fragen regionaler Entwicklung verbunden – und erhielt durch seine Wahl zum Prime Minister des Vereinigten Königreichs zusätzlich Aufmerksamkeit.
Netzwerk Wissenschaft
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Warum Manchester?
Dass Manchester für meinen Forschungsaufenthalt der richtige Ort sein könnte, hatte sich bereits bei meinem ersten Besuch am MIOIR angedeutet. Die Forschung dort beschäftigt sich damit, wie Organisationen innovieren, wie Politik Wissenschaft und Technologie prägt, wie Innovation in unterschiedlichen Regionen entsteht und wie gesellschaftliche Systeme nachhaltiger gestaltet werden können. Auch der verantwortungsvolle Umgang mit neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) gehört zu den zentralen Themen.
Diese Perspektiven ergänzten meine Arbeit an der Sozialforschungsstelle (sfs) der TU Dortmund sehr gut. Ich forsche zu Public Entrepreneurship, Social Innovation Enablement und insbesondere zu Sozialer Innovation im öffentlichen Sektor – zunehmend auch zur Rolle von KI. Gerade die Verbindung dieser Themen mit policy-orientierter Innovationsforschung machte Manchester für mich besonders interessant.
Möglich wurde der dreimonatige Aufenthalt durch den Eu-SPRI Forum Early Career Researcher Circulation Award und die Einladung des MIOIR zur Zusammenarbeit mit Mabel Sanchez Barrioluengo. So wurde aus einem ersten fachlichen Kennenlernen ein längerer Forschungsaufenthalt: mit Zeit für eigene Forschungsarbeit, gemeinsame Diskussionen, neue methodische Perspektiven und den Blick über den deutschen Kontext hinaus.
Forschung in einer Region des Wandels – Fußball und Kultur als regionaler Kompass

Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, findet in Manchester schnell vertraute Bilder: Backstein, industrielle Geschichte, Wandel – und Fußball.
Während meines Aufenthalts besuchte ich ein Spiel von Manchester City – zunächst im Trikot von Borussia Dortmund mit Erling Haaland auf dem Rücken. Das sorgte vor dem Stadion für einige Blicke. Beim Einlass rieten mir auch die Ordner mit einem Augenzwinkern, das BVB-Trikot am Spielfeldrand besser nicht zu zeigen, obwohl Erling Haaland ja jetzt für Manchester City spielte. Kein Problem: Darunter wartete bereits ein Manchester-City-Trikot mit Haaland und der Nummer 9. Der schnelle Trikottausch war damit gesichert. Bei Sonnenschein war ich losgegangen, während des Spiels kam dann der Regen – Manchester weather eben.
Ein besonderer Ausflug führte mich nach Liverpool – auf den Spuren der Beatles. Die Liebe zu den Beatles haben mir meine Eltern, besonders mein Vater, in die Wiege gelegt und ich habe sie nie verloren. Für einen Moment fühlte sich diese berühmte Musikgeschichte sehr alltagsnah an. Die Stadt lebt die Beatles: Ich marschierte die berühmte Penny Lane entlang. Sie ist dabei sowohl Sehnsuchtsort als auch ein ganz normaler Teil eines -wenn man so will- typisch englischen Vorstadtbildes. Die Beatles-Statuen an den Royal Albert Docks wiederum markieren als Fotografie-Hotspot und stolzes Symbol die Identität einer ganzen Stadt, einer Region, wenn nicht eines Landes.

Regionale Identität entsteht genau hierdurch: Sport, Kultur, Geschichte, Kreativität, Stadtentwicklung und Orte, an denen Menschen zusammenkommen können. Nordengland mit Greater Manchester und Liverpool und das Ruhrgebiet lassen sich nicht gleichsetzen: Ihre politischen Strukturen, wirtschaftlichen Entwicklungen und Innovationspolitik unterscheiden sich deutlich. Dennoch teilen beide Regionen Erfahrungen mit industrieller Vergangenheit, Strukturwandel und der Suche nach neuen Zukunftsbildern.
In Manchester wurde das für mich in vielen kleinen Beobachtungen sichtbar: Kunst und Kultur vor industrieller oder ehemals industrieller Kulisse, Hochschulen und kreative Szenen, neue Quartiere und eine präsente Start-up-Kultur. Für meine Forschung war insbesondere Greater Manchester deshalb ein interessanter Denkraum – nicht als direkte Vergleichsstudie, sondern als Perspektivwechsel. Regionale Identitäten, kommunale Strukturen, Förderlogiken, Hochschulen und zivilgesellschaftliche Initiativen beeinflussen, welche Sozialen Innovationen ermöglicht werden und sich entfalten können.
Diese Gedanken begleiteten mich nicht nur bei Spaziergängen durch die Stadt oder beim Blick auf das regionale Leben. Sie tauchten auch im Forschungsalltag am MIOIR auf – in Seminaren, Workshops, Gesprächen und den vielen informellen Begegnungen dazwischen.

Forschungsalltag zwischen Seminarraum, Pausenraum und Piccadilly Gardens
Mein Forschungsalltag am MIOIR war weniger von einem festen Stundenplan geprägt als von einem Mix aus konzentrierter Arbeit, Seminaren, Workshops, Meetings und spontanen Gesprächen. Ein typischer Tag begann im Büro mit ersten Gesprächen, führte zu E-Mails, Skalenentwicklung und Arbeit an meinem Paper und endete nicht selten später als geplant – weil es immer noch etwas zu besprechen, nachzudenken oder gemeinsam zu planen gab.
Besonders prägend war das Büro, das ich zunächst mit drei und später mit vier weiteren Visiting Academics teilte. Sie kamen aus Italien, Brasilien und Polen und brachten unterschiedliche wissenschaftliche, institutionelle und kulturelle Erfahrungen mit. Über eine internationale WhatsApp-Gruppe verabredeten wir Pausen, gemeinsame Abende oder auch gemeinsames Fußballgucken. Gerade die ungeplanten Momente blieben mir in Erinnerung: Gespräche im Pausenraum, neue Personen, die sich dazusetzten, oder das Wasserholen am Wasserspender an heißen Tagen.
Forschung entstand dadurch nicht nur in geplanten Meetings, sondern auch in vielen kurzen Gesprächen dazwischen – oder auf dem Arbeitsweg im gelben Doppeldecker nach Piccadilly Gardens.
Bereichernd war zudem die Weekly Seminar Series am MIOIR. Fast jede Woche stellten Gastvortragende aus unterschiedlichen Ländern ihre Forschung vor. In einem dieser Seminare konnte ich auch meine eigene Forschung präsentieren und die Skala zu Social Innovation Orientation (SIO) mit rund 30 Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen pretesten. Das unmittelbare Feedback zu Begriffen, Items und unterschiedlichen institutionellen Perspektiven war für die weitere Entwicklung besonders wertvoll.
Ein besonderes Format war außerdem ein einwöchiger Workshop zu Policy Evaluation. Dort ging es darum, wie Wissenschafts-, Technologie- und Innovationspolitik sowie Förderprogramme systematisch evaluiert werden können. Für meine Forschung war das sehr anschlussfähig: Wenn es darum geht, Soziale Innovationen im öffentlichen Sektor zu ermöglichen, sind nicht nur gute Ideen oder Instrumente wichtig, sondern auch die Frage, wie politische Maßnahmen und Förderlogiken reflektiert und weiterentwickelt werden können.

Im Policy-Evaluation-Workshop berichtete die Greater Manchester Combined Authority über ihre Ansätze zur Innovationsförderung. Auf meine Nachfrage nach der Förderung Sozialer Innovationen wurde deutlich: Ihre Bedeutung wird klar gesehen, zugleich brauchen sie andere Förderlogiken. Statt einzelne Lösungen vorschnell einzuordnen, sollte Förderung stärker an gesellschaftlichen Herausforderungen und den dafür notwendigen Kooperationen ansetzen.
Ähnliche Beobachtungen ergaben sich in einer Roundtable Discussion zu Regional Development, in der ich als Expertin für Soziale Innovationen eingeladen war. Große Übereinstimmung bestand darin, dass öffentliche Akteur:innen, Hochschulen und weitere Organisationen Soziale Innovationen aktiv ermöglichen müssen. Unterschiede zeigten sich eher darin, welche Akteur:innen diese Rolle übernehmen können und welche infrastrukturellen oder politischen Voraussetzungen vor Ort bestehen. Enablement ist eine gemeinsame Aufgabe.
Interessant fand ich auch den Begriff Inclusive Innovation, den Kolleginnen aus dem Vereinigten Königreich verwendeten. Er schärft den Blick darauf, wer an Innovationsprozessen beteiligt ist, wer von ihnen profitiert und wie Ausschlüsse vermieden werden können.
Was ich für meine Forschung und die SIO-Skala mitgenommen habe
Mein wichtigstes fachliches Gepäck aus Manchester passte in keinen Koffer – auch wenn ich für den Pretest tatsächlich einen Stapel Papierfragebögen dabei hatte. Der Aufenthalt hat die Arbeit an meiner Skala zu Social Innovation Orientation (SIO) in mehrfacher Hinsicht weitergebracht.
Mit der Skala möchte ich erfassen, inwiefern Personen und Organisationen – insbesondere im öffentlichen Sektor – darauf ausgerichtet sind, Soziale Innovationen zu ermöglichen. Es geht also nicht zuerst um bereits erzielte Wirkung, sondern um Voraussetzungen am Anfang: Haltungen, Kompetenzen, Strukturen, Technologien, Kooperationen und Spielräume.
Der Pretest zeigte sehr konkret, was internationale Anschlussfähigkeit bedeutet. Besonders intensiv diskutierten wir, wie sich Soziale Innovation so beschreiben lässt, dass das Konzept im öffentlichen Sektor verschiedener Länder verständlich wird. Begriffe können korrekt übersetzt sein und dennoch in unterschiedlichen institutionellen oder kulturellen Kontexten etwas anderes nahelegen. Zudem wurde deutlich, dass erklärt werden muss: Das „Soziale“ in Sozialer Innovation bedeutet nicht automatisch, dass jede Soziale Innovation per se positiv oder wünschenswert ist.
Spotlight Wissenschaft
Mehr Einblicke in die Forschung zu Sozialen Innovationen findet ihr in uneren Spotlights.
Zu den SpotlightsÜberrascht hat mich das breite Interesse über unterschiedliche Disziplinen hinweg. Neben Forschenden aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften beteiligten sich auch Computer Scientists an der Diskussion. Besonders ermutigend waren die Zustimmung zur Zusammenstellung der Dimensionen und das Interesse an der KI-Dimension. KI sollte im Kontext Sozialer Innovationen nicht nur als Technologie zur Effizienzsteigerung verstanden werden.
Die SIO-Skala ist noch nicht fertig – aber durch den Aufenthalt ein Stück internationaler, präziser und hoffentlich später für Forschung und Praxis hilfreicher geworden.
Was bleibt und was ich anderen mitgeben würde
Was mir von den drei Monaten in Manchester am meisten bleibt, ist nicht nur ein weiterentwickelter Fragebogen oder eine Liste neuer Kontakte. Es sind die Perspektivwechsel: zwischen MIOIR und Stadt, Seminarraum und Pausenraum, Manchester und Liverpool, eigener Forschung und den Erfahrungen anderer Wissenschaftler:innen und regionaler Akteur:innen.
Ich würde einen solchen Aufenthalt Wissenschaftler:innen in unterschiedlichen Karrierephasen unbedingt empfehlen. Hilfreich ist, mit einem klaren Forschungsplan anzureisen – aber zugleich Raum für Unerwartetes zu lassen. Nicht jedes Gespräch muss sofort zu einem gemeinsamen Paper führen. Manchmal entsteht der wichtigste Impuls beim Kaffee, auf dem Weg zum Bus, in einer Seminarpause oder bei einem Abend im Pub.
Manchester bleibt für mich damit nicht nur als Ort der Skalenentwicklung in Erinnerung. Der Aufenthalt hat meinen Blick darauf geschärft, dass Soziale Innovationen immer in konkreten Orten, Beziehungen und institutionellen Bedingungen entstehen. Wer verstehen will, wie gesellschaftliche Wirkung möglich wird, muss manchmal nicht nur früher hinschauen, sondern auch den eigenen Kontext verlassen – und zum Beispiel zwischen MIOIR und Mersey unterwegs sein.




