Alternativwirtschaft in Bremen und Berlin erstmals vermessen

Kürzlich wurde die Alternativ- und Sozialwirtschaft zweier Bundesländer evaluiert – für das Land Bremen hat das IÖW (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung) im Februar 2026 die Wirtschafts- und Transformationskraft gemeinwohlorientierter Unternehmen evaluiert. Auftraggeberin war die Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation Kristina Vogt. Im März wurde ebenfalls eine Bestandsaufnahme, Potenz- und Bedarfsanalyse Sozialer Unternehmen in Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft vorgestellt.

Relevanter Sektor

In beiden Ländern haben sich dynamische und wirtschaftlich relevante Felder entwickelt. Rund 3.000 soziale Unternehmen sind in Berlin aktiv und erwirtschaften zusammen mehrere Milliarden Euro Umsatz. Damit tragen sie deutlich zur wirtschaftlichen Entwicklung, Beschäftigung und zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen bei. Für Bremen gilt Ähnliches und Senatorin Kristina Vogt stellt fest:

Gemeinwohlorientierte Unternehmen sind ein relevanter Wirtschaftsfaktor im Land Bremen. Rund 400 Unternehmen sichern mindestens 8.600 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.

Besonders stark vertreten sind in beiden Ländern Felder wie Bildung, Gesundheit und Soziales, nachhaltiger Konsum, Integration und Inklusion sowie Umwelt- und Klimaschutz. Dabei sind die wirtschaftlichen Aktivitäten stets mit einer klaren sozialen oder ökologischen Mission verbunden. Viele dieser Organisationen entwickeln innovative Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme und leisten damit einen wichtigen Beitrag zu Sozialen Innovationen und nachhaltiger Stadtentwicklung.

Über ihren wirtschaftlichen Beitrag hinaus hebt die IÖW-Studie insbesondere die Transformationskraft sozialer Unternehmen hervor: Es werden neue Dienstleistungen, Geschäftsmodelle und Organisationsformen entwickelt, die gezielt auf bislang unzureichend adressierte gesellschaftliche Bedarfe reagieren – etwa auf die Bedürfnisse vulnerabler Gruppen – und zugleich neue ökologische Standards setzen.

In beiden Ländern tragen Sozialunternehmen beispielsweise dazu bei, die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Stadtteilen zu verbessern oder Menschen nach einer Straffälligkeit bei der Resozialisierung zu begleiten. Die Senatsverwaltung Berlin förderte z. B. mit Credible Messenger im Rahmen der Gesellschaft der Ideen eben solche Projekte. Darüber hinaus engagieren sich Sozialunternehmen für eine solidarische Energiewende, schaffen Alternativen im Bereich unabhängigen Qualitätsjournalismus und entwickeln touristische Angebote, die soziale oder ökologische Werte in den Mittelpunkt stellen.

Methodik und Zielsetzung

Beide Studie arbeiten mixed-methods-orientiert: also nicht rein deskriptiv, sondern mit einer Kombination aus quantitativen und qualitativen Elementen. Das IÖW hat mit der Bremer Studie eine eher konzeptionell-empirische Vermessung des Sektors vorgenommen und dabei mit dem Begriff der Alternativwirtschaft bewusst einen breiten analytischen Rahmen gewählt. Im Zentrum steht die Frage nach der gesellschaftlichen und transformativen Bedeutung dieser Wirtschaftsform sowie danach, wie ihre Leistungen sichtbar und adäquat erfasst werden können.

Die Berliner Studie verfolgt demgegenüber eine deutlich politiknähere Perspektive und analysiert soziale Unternehmen im Sinne einer Bedarfs- und Potenzialanalyse. Sie richtet den Blick stärker auf die Größe und Struktur des Sektors, identifiziert konkrete Herausforderungen und leitet daraus letztlich Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung der Förderungmöglichkeiten und des Ökosystems ab.

Begriffbestimmung und Abgrenzung

Ein zentraler Unterschied liegt bereits in der Begriffsbestimmung. Die Bremer Studie arbeitet bewusst mit dem breiten Konzept der Alternativwirtschaft. Darunter werden Organisationen gefasst, die ein sozial-ökologisches oder gemeinwohlorientiertes Ziel verfolgen und dieses nicht nur in ihren Angeboten, sondern auch in ihren Organisationsformen und Entscheidungsstrukturen verankern. Sozialunternehmen sind hier nur eine Teilmenge eines deutlich größeren Feldes, zu dem etwa auch Genossenschaften, gemeinschaftsgetragene Projekte oder Kollektivbetriebe gehören.

Die Berliner Studie hingegen fokussiert sich auf den engeren Begriff der sozialen Unternehmen und bleibt damit näher an einem politisch und förderpraktisch anschlussfähigen Verständnis von Social Entrepreneurship. Während Bremen das Feld konzeptionell klar gegenüber klassischer Wirtschaft, Sozialwirtschaft und staatlichen Strukturen abgrenzt, geht Berlin pragmatischer vor und orientiert sich stärker an der Ökosystemlogik Förderung, Finanzierung, Skalierung.

Theoretisch hat das weitreichende Konsequenzen: Während soziale Unternehmen in Bremen als Teil eines größeren alternativen Wirtschaftsökosystems erscheinen, werden sie in Berlin selbst zur zentralen Kategorie. Je nachdem, welcher Zugang gewählt wird, verändert sich damit auch der politische Blick – entweder auf ein breites Transformationsfeld oder auf ein spezifisches Fördersegment.

Soziale Unternehmen: resilient, divers – und strukturell benachteiligt

Grundsätzlich fördern beide Länder mit unterschiedlicher Logik. Berlin hat ein gewachsenes Ökosystem mit Infrastruktur, Netzwerken und Förderprogrammen, die seit 2018 schrittweise für soziale Unternehmen geöffnet wurden. Das Problem: Die Instrumente stammen aus der konventionellen Wirtschaftsförderung und passen oft nicht zu hybriden Geschäftsmodellen. Bremen hingegen hat früher ein explizites politisches Bekenntnis formuliert und Alternativwirtschaft seit 2020 als strategisches Querschnittsthema verankert.

Pointiert gesagt: Berlin hat mehr Infrastruktur, Bremen mehr Strategie.

Bemerkenswert: Unternehmen, die primär auf Impact statt auf Gewinn ausgerichtet sind, erweisen sich als wirtschaftlich resilienter als konventionelle Vergleichsunternehmen – auch in Krisenzeiten. Die Gründe dafür sind struktureller Natur. Diversifizierte Einkommensquellen – also die Kombination aus Markterlösen, Fördergeldern, Mitgliedsbeiträgen und Ehrenamt – machen sie unabhängiger von einzelnen Einbrüchen. Hinzu kommt eine hohe Reinvestitionsquote: Weil Gewinne nicht ausgeschüttet, sondern ins Unternehmen zurückgeführt werden, bleibt die Kapitalbasis stabil. Und schließlich wirkt das soziale Kapital als Puffer: Kooperative Strukturen, starke Netzwerke und eine loyale Gemeinschaft aus Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen und Unterstützenden federt Krisen ab, die rein marktorientierte Unternehmen härter treffen würden.

Bemerkenswert ist auch, wer diese Unternehmen gründet: 40 % der Gründungen gehen auf Frauen zurück, 33 % auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.

Jetzt ist Handeln gefragt

Die Studie bestätigt die bereits seit Jahren bekannten Alltagserfahrungen von (angehenden) Sozialunternehmen.

Thorsten Jahnke (Geschäftsführer Social Impact gGmbH)

Was beide Studien besonders wertvoll macht, sind nicht nur die Zahlen – sondern die konkreten Handlungsempfehlungen, die sie an die Politik richten. Denn Bestandsaufnahmen allein verändern nichts: Es braucht mutige Entscheider, die aus den Studien Konsequenzen ziehen. Auch Staatssekretär Michael Biel betont bei der Präsentation der Berliner Studie, dass es nun vor allem den Mut zum Handeln brauche, um weiter zu kommen.

Denn trotz ihrer Stärken kämpfen soziale Unternehmen mit strukturellen Nachteilen. Die Studien zeigen: Klassische Investitionslogiken passen nicht zu Geschäftsmodellen, die Gewinn reinvestieren statt ausschütten – jedem zweiten Unternehmen fehlt der Zugang zu langfristigem Kapital. Bei öffentlichen Ausschreibungen sorgt der Fokus auf den niedrigsten Preis dafür, dass sozialer und ökologischer Impact systematisch unterbewertet wird. Bürokratische Hürden und fehlende Verwaltungserfahrung mit sozialen Modellen verschärfen das Problem.

Beide Studien machen deutlich, was jetzt gebraucht wird:

  • mehr Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit von Sozialunternehmen/Alternativwirtschaft
  • weiterer Ausbau von Kompetenzstrukturen (Wissen, Monitoring, Forschung)
  • klares Commitment der Politik

Die Berliner Studie empfiehlt zusätzlich noch:

  • passgenauere Finanzierungsinstrumente
  • größere Verfügbarkeit öffentlicher Förderungen
  • soziale und wirkungsorientierte Kriterien in der öffentlichen Vergabe (Impact)

Gerade das Commitment der Politik stellt einen zentraler Hebel für die Weiterentwicklung des Ökosystems dar: Es braucht eine wirtschaftspolitische Strategie, die soziale Unternehmen nicht als Nischenphänomen behandelt, sondern als das, was sie sind – ein zentraler Baustein einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Hinzu kommt, dass es immer noch keine einheitliche Definition sozialer Unternehmen gibt, was an vielen Stellen zu Unklarheiten führt – die Berliner Studie arbeitet mit einem an der EU-Definition angelehnten Katalog, Bremen spricht in Abgrenzung verwandter Konzepte von “Alternativwirtschaft”.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Beide Studien zeigen ein wachsendes, wirtschaftlich relevantes Feld mit hoher gesellschaftlicher Wirkung. Einig sind sie sich auch darin, dass es mehr Sichtbarkeit, bessere Daten und stärkere politische Unterstützung braucht.

Die Unterschiede liegen vor allem in der Herangehensweise: Während Bremen ein breites, heterogenes Transformationsfeld beschreibt, fokussiert Berlin auf ein enger gefasstes, politisch adressierbares Segment. Entsprechend bleiben die Bremer Empfehlungen eher strategisch und rahmend, während Berlin konkrete Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Förderung und Ökosystem liefert.

Nächste Schritte

„Es gibt bereits viele erprobte Ansätze zu den genannten Herausforderungen”, so Thorsten Jahnke, Geschäftsführer der Social Impact gGmbH, „etwa steuerliche Anreize und Impact-Prämien, Social Impact Bonds oder lebenszyklus-orientierte Finanzierungen.” Solche Instrumente hätten großes Potenzial, die bestehenden Handlungsempfehlungen sinnvoll zu ergänzen.

„Hier hätten mutige Beispiele – wie von Staatssekretär Michael Biel gewünscht – den Ausblick zur Weiterentwicklung des Ökosystems lösungsorientierter und diskursiver gestaltet“, folgert Jahnke.

Zusammengenommen liefern beide Studien ein komplementäres Bild: Bremen macht besser sichtbar, warum diese Form des Wirtschaftens für die sozial-ökologische Transformation relevant ist. Berlin zeigt mehr, wie sie konkret gestärkt werden kann. Die eigentliche Herausforderung liegt nun darin, beides zusammenzubringen – Erkenntnis und Umsetzung.

Alle Studien zum Download

Studie “Die Alternativwirtschaft im Land Bremen. Empirische Vermessung der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Relevanz” von Christian Lautermann und Gesa Marken. IÖW 2026.

Studie “Soziale Unternehmen in Berlin. Bestandsaufnahme, Bedarfs- und Potenzialanalyse” von Philipp Kenel, Marion Rädler, Yasmin Olteanu, Corinna Mevißen. Syspons GmbH 2026.

Im April 2025 veröffentlichte Ramboll Management Consulting im Auftrag des BMWK eine Studie zur aktuellen Datenlage zu Gemeinwohlorientierten Unternehmen in Deutschland. Schätzungsweise erfüllen rund 156 bis 172 Tausend Unternehmen diese Kriterien eines Gemeinwohlorientierten Unternehmens. Sie beschäftigen etwa 3 bis 3,4 Millionen geringfügig und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und erwirtschaften jährliche Umsätze in Höhe von rund 72 bis 82 Milliarden Euro. Grundlage der Schätzung ist die Definition von Gemeinwohlorientierten Unternehmen gemäß der Social Business Initiative der Europäischen Kommission.

Studie zur Verbesserung der Datenlage zu Gemeinwohlorientierten Unternehmen in Deutschland von Ulrike Biermann, Luise Brenning, Maren Plöger, Henriette Reichwald, Marie-Christin Rische. Ramboll Mangement Consulting 2025.

zeigt Demian Göpfer im Portait

Demian Göpfer (er/ihm)

Redakteur bei der SIGU-Plattform