Interview mit Leonie Müller von Kopfsachen e.V.

Leonie Müller ist Co-Gründerin und Geschäftsführerin von Kopfsachen e.V. Im Interview erzählt die studierte Psychologin mehr zu der Vision und dem Angebot des Vereins und wie mentale Gesundheit junger Menschen für eine resiliente Gesellschaft gefördert werden kann.

 

Was ist sind eure Vision und konkreten Angebote?

Kopfsachen e.V. ist ein Verein zur Förderung der mentalen Gesundheit junger Menschen, gegründet von Psychologiestudierenden 2020. Wir vermitteln in verschiedenen Bildungsformaten die Grundlagen der psychischen Gesundheitskompetenz sowie Methoden zu deren aktiver Förderung. Wir sind aktuell in in 6 Bundesländern aktiv und haben noch mehr vor!

Mehr zu Kopfsachen e.V.

Kopfsachen ist ein Verein zur Förderung der mentalen Gesundheit junger Menschen. Sie vermitteln in verschiedenen Bildungsformaten die Grundlagen der psychischen Gesundheitskompetenz.

Über welche Erfolge freut ihr euch besonders? Was sind eure Ziele für die Zukunft?

Seit Gründung konnten wir über 35.000 Menschen in Schule direkt erreichen. Dabei freuen wir uns immer am meisten über die indivuellen Feedbacks, die uns tagtäglich motivieren, wie:

Ich habe zum ersten Mal über meine Probleme gesprochen, ich habe mir Therapie geholt, ich fühle mich nicht mehr alleine, …

Besonders wichtig ist, wie sich unsere Angebote über die letzten Jahre weiterentwickelt haben. Von einzelnen eintägigen Workshops hin zu einem umfangreichen Schulprogramm, was mentale Gesundheit ganzheitlich und nachhaltig in der Schule verankert; ergänzt um Maßnahmen im digitalen Raum. Hierauf haben wir die letzten Jahre hingearbeitet, um unsere Wirkung immer weiter zu vertiefen. Mehr Informationen zu unserem Schulprogramm gibt es hier.

An welche Zielgruppen richten sich eure Workshops und Projekte?

Eine unzureichende schulische Bildung im Bereich der mentalen Gesundheit – insbesondere hinsichtlich der Entstehung, Prävention und Bewältigung psychischer Belastungen. Eine Herausforderung beschreiben auch vor allem Fachkräfte und Lehrkräfte an Schulen, die rund um das Thema mentale Gesudnheit nicht ausreichend ausgebildet sind und in der Regel mangelnde Ressourcen zur Verfügung haben, belastete Jugendliche zu unterstützen und sich dabei auch selbst zu schützen.

Nicht zuletzt sehen wir eine anhaltende Stigmatisierung psychischer Themen. Ein Mangel an öffentlicher Sichtbarkeit und Aufklärung führen dazu, dass viele junge Menschen nur über geringe mentale Gesundheitskompetenzen verfügen. Dadurch fehlt ihnen häufig die emotionale Resilienz, um den Belastungen des Alltags und den zunehmenden Herausforderungen der digitalen Welt, wie Social Media, Cybermobbing oder Vergleichsdruck, gesund zu begegnen und gleichzeitig andere unterstützen zu können. Die Folgen sind oftmals Unzufriedenheit, Leid, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit.

Wie messt ihr die Wirkung eurer Arbeit?

Wir haben ein umfangreiches Wirkungsmanagement, einerseits bestehend aus Qualitäts- und Zufriedenheitskriterien, die wir zum einen durch unser internes Ausbildungs- und Intervisionsprogramm sicherstellen und zum anderen nach jedem Workshop durch Feedbackbefragungen prüfen.

Darüber hinaus messen wir unsere Wirkung in Zusammenarbeit mit Universitäten, Promotionen und Masterarbeiten in großangelegten randomisierten Kontrollgruppenstudien anhand wissenschaftlich evaluierter Fragebögen. So konnten wir zum Beispiel zeigen, dass die mentalen Gesundheitskompetenzen der Schüler:innen mit dem Workshop zunehmen, die emotionale Selbstwirksamkeit steigt und Teilnehmende nach den Workshops offener dafür sind, sich Unterstützung im privaten oder professionellen Umfeld zu holen und in Anspruch zu nehmen.

Wie integriert ihr die digitale Lebenswelt und Social Media in eurem Angebot?

In unserem Projekt Mental hoch 2 kooperieren wir mit der Techniker Krankenkassen und Social Proof. In regelmäßigen Reports werden zu aktuellen Trend-Themen auf Social Media Fakten/Zusammenhänge zusammengetragen und Fachkräfte sowie Jugendliche werden über diese im Workshop und darüber hinaus auf Social Media aufgeklärt und so bei einem reflektierten und gesundheitsförderlichen Umgang mit digitalen Medien zu unterstützt.

Die digitale Lebenswelt findet in jedem Workshop im Rahmen des Projekts Einzug durch Inputs (Video) und Übungen – die Jugendlichen öffnen sich häufig zu ihren psychischen Belastungen – im digitalen & analogen Raum. Die Workshops werden strategisch ergänzt durch regelmäßige Streams auf Twitch und Youtube, sowie Verlängerungen auf Instagram und Tiktok. Teilnehmende Jugendliche können im Workshop anonym Fragen stellen, die anschließend im Twitsch-Stream mit Social Proof von unserer Kollegin Hendrikje (KiJU-Psychotherapeutin i.A.) beantwortet werden.

Teamfoto von Kopfsachen e.V. im Freien auf einer Dachterrasse

Welche konkreten Resilienz-Strategien für Jugendliche und Lehrer:innen vermittelt ihr?

Kopfsachen stärkt sowohl die emotionale und soziale Entwicklung von Jugendlichen als auch die psychische Gesundheitskompetenz von Lehrkräften. Jugendliche lernen, eigene Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren sowie die Gefühle anderer besser zu verstehen. Gleichzeitig erweitern sie ihr Wissen über psychische Gesundheit, stärken ihre Selbstfürsorgekompetenzen und werden darin unterstützt, Belastungen frühzeitig zu erkennen, offen mit Familie, Freundinnen oder anderen Vertrauenspersonen darüber zu sprechen und bei Bedarf professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Lehrkräfte erwerben Wissen über psychische Gesundheit im Jugendalter und gewinnen mehr Sicherheit im Umgang mit psychisch belasteten Schüler:innen. Darüber hinaus setzen sie sich mit ihrer eigenen psychischen Gesundheit auseinander, reflektieren persönliche Belastungen und Burnout-Risiken und lernen Strategien zur Stressregulation und Selbstfürsorge kennen. Durch die Stärkung persönlicher Ressourcen und kollegialer Unterstützung werden sie dabei unterstützt, langfristig gesund mit den Anforderungen des Berufsalltags umzugehen

Wie fördert ihr individuelle und kollektive Resilienz?

Jeder Workshop beinhaltet Wirkfaktoren auf zwei Ebenen: der inhaltliche Austausch über Belastungen und Lösungsideen (individuelle Resilienz) sowie der zwischenmenschliche Kontakt, der dabei entsteht. Indem im Klassenkontext gegenseitiges Verständnis aufgebaut wird, steigt das Vertrauen zwischen den SuS, sodass die kollektive Resilienz in Form von Zusammenhalt gestärkt wird.

Zu den häufigsten Rückmeldungen nach den Workshops gehört die Erkenntnis der Jugendlichen: “Ich bin nicht allein!”

In unserem Mental Health Ambassadors Programm werden aus 5 Schulen Schulteams aus 3-5 Fachkräften über ein Jahr von uns in Fortbildungstagen, Supervisionen und Peer-to-Peer-Beratungen begleitet. Sie werden dabei unterstützt, das Thema mentale Gesundheit und Prävention nachhaltig an ihren Schulen zu verankern und vor allem: dabei unterstützen sie sich gegenseitig. Es entsteht ein vertrauensvolles Netzwerk aus kompetenten und motivierten Fachkräften, die sich für eine gemeinsame Sache einsetzen. So verändert sich auch der Umgang im Kollegium zum Positiven. Mehr Infos dazu findet ihr hier.

Wie kann mentale Gesundheit nachhaltig und präventiv in der Gesellschaft verstärkt werden?

Prävention muss in allen Lebenswelten stattfinden: in der Schule, im Betrieb, in der Familie und in unserem Versorgungssystem. Selbstwirksamkeit und soziale Beziehungen sind die stärksten Schutzfaktoren, hier können wir in allen Lebenswelten konkret ansetzen, hier müssen wir als Gesellschaft auch sektorübergreifend an einem Strang ziehen und an Lösungen und Innovationen arbeiten. Hierbei sollte unbedingt immer auch die Perspektive der Jugendlichen berücksichtigt und möglichst partizipativ vorgegangen werden. Seit Gründung engagieren wir uns dafür in der Mental Health Alliance. Es ist nie zu früh, sich mit seiner psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen.

Mental Health Alliance

Paolina Hagengruber und Vanessa Gstettenbauer von ProjectTogether beschreiben im Blogpost Resilienz statt Reparatur die partizipative Arbeitsweise und die Collective Action, mit der sie mentale Gesundheit für junge Menschen zusammen mit vielen anderen Akteuren vorantreiben.

Was wünschst du dir für die Förderung der mentalen Gesundheit von Jugendlichen?

Mut zur Systemwende bei Politik und Fördernden von einem Fokus auf Behandlung und Therapie hin zu Prävention und Stärkung. Finanzielle Mittel sollten nicht nur in kurzfristige, projektbasierte Interventionen fließen, sondern in die langfristige, strukturelle Verankerung von psychosozialer Versorgung (Primär- und Sekundärprävention) im Bildungssystem.

Porträt von Constanze Heber

Das Interview führte Constanze Heber – Kommunikation & Community bei der SIGU-Plattform

Meine Tipps: Holt euch die Kopfsachen-App als mentale Kraft-Ressource im Alltag. Die Helga Breuninger Stiftung hat einen KI-Austauschspartner entwickelt, mit dem Lehrer:innen Beziehungskompetenzen im Unterricht lernen können. Mehr dazu findet ihr bei intus3.