Das Research Office for Social Innovation (ROSI) 

© UHH/Wohlfahrt

Hamburg zieht mit einer eigenen Social-Entrepreneurship-Strategie, der Allianz für Social Entrepreneurship sowie zahlreichen sozialinnovativen Initiativen und gemeinwohlorientierten Unternehmen viel Aufmerksamkeit auf sich. In diesem kolloborativ geprägten SIGU-Ökosystem nimmt auch die Universität Hamburg eine aktive Rolle ein. Das Team Wissenschaft hat vor diesem Hintergrund Laura Adam darum gebeten, Einblicke in die Arbeit und Hintergründe des Research Office for Social Innovation (ROSI) der Universität Hamburg zu geben.

Laura Adam, Leitung der Geschäftsstelle des Forschungsbüro für Soziale Innovation (ROSI), an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaft der Universität Hamburg. 

Foto: UHH, RRZ/MCC, Mentz

Mit dem ROSI habt ihr ein „Forschungsbüro für Soziale Innovation“ auf die Beine gestellt, das sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft versteht. Was ist das ROSI und welche Aktivitäten umfasst eure Arbeit?

Soziale Innovationen entstehen selten im Alleingang. Sie entstehen dort, wo unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Wissensbestände zusammenkommen und gemeinsam an Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen gearbeitet wird. Genau hier setzt das Research Office for Social Innovation (ROSI) der Universität Hamburg an.

Wir verstehen Soziale Innovationen als neue Formen des Zusammenwirkens, die dazu beitragen können, gesellschaftliche Probleme nachhaltiger, gerechter und wirksamer zu bearbeiten. Wissenschaft kommt dabei aus unserer Sicht eine besondere Rolle zu: Sie kann Räume für Reflexion schaffen, unterschiedliche Akteur:innen miteinander verbinden und gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch Forschung und Lehre begleiten. Gleichzeitig kann sie von den Erfahrungen und dem Wissen aus der Praxis lernen.

Als zentrale Einrichtung der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften schaffen wir deshalb Gelegenheiten für genau diese Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Akteur:innen aus Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft bringen wir gesellschaftliche Fragestellungen in Forschung und Lehre ein und unterstützen Kooperationsprojekte, in denen Praxispartner, Forschende und Studierende gemeinsam an Lösungen arbeiten. Unsere Aufgabe ist es, diese Prozesse zu initiieren, zu begleiten und fachlich zu unterstützen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Lehre, in der unterschiedliche ko-kreative Ansätze wie Community-based Research, Service Learning oder Citizen Science zum Einsatz kommen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie Forschung und Lehre nicht als von gesellschaftlicher Praxis getrennte Bereiche verstehen, sondern als Orte des gemeinsamen Lernens und der ko-kreativen Entwicklung neuer Lösungsansätze. In praxisorientierten Seminaren, Abschlussarbeiten, Forschungspraktika oder gemeinsamen Drittmittelprojekten bearbeiten Studierende so reale Herausforderungen und sammeln Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit außeruniversitären Partner:innen. Dadurch entstehen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch neue Kompetenzen, Netzwerke und konkrete Impulse für die Praxis.

Wie das aussehen kann, zeigt beispielsweise unser Lehrformat „Campus meets Community-Lab“. Im letzten Jahr haben Studierende gemeinsam mit Community-Forschenden aus dem Haus des Engagements (Hamburger Engagementfördereinrichtung) unter anderem digitale Instrumente zur Stärkung von Vereinen, Vernetzungsformate für migrantische Selbstorganisationen sowie Handlungsempfehlungen zum Aufbau deutschlandweiter Engagementförderstrukturen entwickelt. Die Erfahrungen aus dieser Zusammenarbeit flossen wiederum in die Entwicklung einer Toolbox für ko-kreative Lehre ein, mit Hilfe derer wir interessierte Lehrende beraten und Handreichungen mitgeben können.

Mit dem ROSI möchten wir so zu einer Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung beitragen und Soziale Innovationen als gemeinschaftlichen Prozess des Lernens, Erprobens und Gestaltens stärken. Für uns geht es dabei nicht nur darum, Wissen aus der Universität in die Gesellschaft zu transferieren. Entscheidend ist vielmehr der wechselseitige Austausch – denn nachhaltige Lösungen entstehen dort, wo Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam neues Wissen hervorbringen.

Was war die Motivation für die Einrichtung eines solchen Forschungsbüros und auf welche Entwicklungsgeschichte blickt ihr bis hierhin zurück?

Die Geschichte des ROSI begann mit einer einfachen Frage: Wie kann das Wissen, das an Hochschulen entsteht, stärker für gesellschaftliche Herausforderungen nutzbar gemacht werden? Und wie können gleichzeitig Erfahrungen und Fragestellungen aus der Praxis zurück in Forschung und Lehre wirken?

Ausgangspunkt waren drei Beobachtungen: In der sozialwissenschaftlichen Methodenausbildung investierten Studierende viel Zeit und Engagement in ihre ersten Forschungsprojekte. Die Ergebnisse verschwanden jedoch häufig nach Abschluss der Lehrveranstaltung in der „Schublade“ und fanden kaum Eingang in gesellschaftliche Debatten oder praktische Anwendungszusammenhänge. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Organisationen und Initiativen in der Hamburger Stadtgesellschaft über konkrete Fragestellungen verfügten, jedoch oft nicht die Ressourcen oder methodische Expertise hatten, diese wissenschaftlich zu bearbeiten. Ein dritter Impuls kam schließlich aus der Begegnung mit Organisationsformen wie studentischen Unternehmensberatungen, die zeigten, wie sich das Engagement von Studierenden und gesellschaftliche Bedarfe erfolgreich zusammenbringen lassen.

Aus diesen Überlegungen entstand 2011 das „Projektbüro Angewandte Sozialforschung“, die Vorgängerorganisation des heutigen ROSI. Schon damals stand die Überzeugung im Mittelpunkt, dass gesellschaftliche Herausforderungen am besten dort bearbeitet werden können, wo unterschiedliche Wissensformen zusammenkommen und Wissenschaft nicht nur Wissen vermittelt, sondern gemeinsam mit ihren Partner:innen neues Wissen erzeugt.

Nach zehn Jahren stand das Projektbüro während der Corona-Pandemie mit auslaufenden Verträgen und einer ausbleibenden Auftragslage zunächst kurz vor dem Aus. Gleichzeitig gewann an Hochschulen die sogenannte Third Mission – also der Beitrag von Wissenschaft zu gesellschaftlicher Entwicklung und Transformation – zunehmend an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Ende 2020, eine zentrale Struktur für transferbezogene Forschung und Lehre aufzubauen. Mit dem Relaunch des Projektbüros entstand 2021 das ROSI als zentrale Fakultätseinrichtung, eingebettet in die Bemühungen der Universität Hamburg, den forschungsbasierten Transfer in und mit der Metropolregion Hamburg weiter auszubauen.

Heute verstehen wir das ROSI nicht nur als organisatorische Struktur, sondern als Lern- und Experimentierraum für eine Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung. Die Themen und Formate haben sich über die Jahre weiterentwickelt, die Grundidee ist jedoch dieselbe geblieben: Soziale Innovationen entstehen dort, wo Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten und voneinander lernen.

Welche Rolle nimmt das ROSI in Hamburg ein? Und wie würdet ihr eure Beziehung zu anderen Sektoren der Stadtgesellschaft beschreiben, zu Verwaltung und Politik, zur Zivilgesellschaft, zur Wirtschaft oder zu Zusammenschlüssen wie der Allianz für Social Entrepreneurship?

Hamburg verfügt über ein vielfältiges Ökosystem aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, öffentlichen Einrichtungen, Sozialunternehmen, Stiftungen und Unterstützungsstrukturen, die sich auf unterschiedliche Weise für gesellschaftliche Transformation und nachhaltige Entwicklung engagieren. Soziale Innovationen entstehen aus unserer Sicht gerade durch das Zusammenspiel dieser verschiedenen Akteur:innen. Entsprechend verstehen wir auch die Rolle des ROSI.

Wir sehen uns weniger als einzelne Einrichtung mit klar abgegrenztem Aufgabenbereich, sondern vielmehr als Teil eines wachsenden Netzwerks, das unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt und sektorübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht. Unsere Rolle besteht darin, wissenschaftliche Perspektiven mit gesellschaftlicher Praxis zu verbinden und Räume zu schaffen, in denen gemeinsames Lernen und gemeinsame Wissensproduktion möglich werden.

Dafür arbeiten wir mit einer Vielzahl von Partner:innen zusammen – von Engagementförderstrukturen und Behörden über Vereine und Sozialunternehmen bis hin zu Innovations- und Gründungsakteur:innen wie Hamburg Innovation oder der Allianz für Social Entrepreneurship. Viele Kooperationen entstehen dabei ganz konkret in Forschungsprojekten, Abschlussarbeiten oder praxisorientierten Lehrveranstaltungen und wachsen über die Jahre zu einem diversen und weitgestreuten Beziehungsgeflecht heran. 

Gleichzeitig versuchen wir, das Hamburger Ökosystem Sozialer Innovationen aktiv mitzugestalten. Dabei geht es uns nicht nur darum, bestehende Kooperationen zu pflegen, sondern auch neue Begegnungs- und Austauschformate zu schaffen. Ein Beispiel dafür ist das „Campus Meets Community Festival“, das wir gemeinsam mit universitären und zivilgesellschaftlichen Partner:innen organisiert haben. Unterstützt durch Netzwerke wie das Aktivoli Landesnetzwerk und die Social Entrepreneurship Allianz Hamburg brachte das Festival Akteur:innen aus Hochschulen, Zivilgesellschaft und Social Entrepreneurship zusammen, um gemeinsame Lösungsansätze für gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln und voneinander zu lernen.

Auch innerhalb der Universität engagieren wir uns für den Aufbau neuer Kooperationen. Gemeinsam mit weiteren Akteur:innen haben wir das Netzwerk #UHHengagiert mitinitiiert, das gesellschaftliches Engagement in Studium und Weiterbildung stärkt. Daraus sind Formate wie die Ringvorlesung „Einfach mal die Welt retten“ entstanden, die wissenschaftliche Perspektiven mit praktischen Erfahrungen aus der Zivilgesellschaft verbinden.

Für uns sind Netzwerke dabei nicht nur eine Voraussetzung für Soziale Innovationen – sie sind selbst ein wesentliches Ergebnis unserer Arbeit. Denn Vertrauen, gegenseitiges Lernen und langfristige Beziehungen bilden die Grundlage dafür, dass aus einzelnen Projekten nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen entstehen können.

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Team Wissenschaft der TU Dortmund

Wer steckt hinter dem Spotlight Wissenschaft?

Der Einblick in das ROSI entstand federführend durch Laura Adam (ROSI) in Zusammenarbeit mit dem Team Wissenschaft der TU Dortmund.