Wir haben mit Josefa Kny und Isabel Gahren vom betterplace lab über Kollaboration gesprochen – ein Thema, was uns auch im Rahmen der Zukunftsfabrik beschäftigt. In diesem Interview geht es darum, welche Voraussetzungen und Kompetenzen gute Zusammenarbeit braucht, wie mit Spannungen in Kollaborationsprozessen umgegangen werden kann und wie Verbindung im Innen und Außen gelingt.
Was ist die Vision des betterplace lab und was treibt euch an?
Im betterplace lab arbeiten wir an einer zukunftsfähigen Gesellschaft, in der zivilgesellschaftliche Akteur:innen ihre individuelle und kollektive Wirkung gemeinsam entfalten können. Für uns ist die Zivilgesellschaft mit ihrer Vielfalt ein wesentlicher Treiber für gesellschaftlichen Wandel. Dazu gehören in unserem Verständnis auch gemeinwohlorientierte Unternehmen, die in erster Linie einen gesellschaftlichen Beitrag leisten wollen. Dabei bildet für uns eine bewusste Verbindung zu sich selbst, zu anderen und ein kollaboratives Miteinander die Grundlage für echte Veränderung.
Durch Forschungs- und Erfahrungsräume, Allianzenbildung und die Begleitung von Entwicklungsprozessen schaffen wir Räume und bauen Brücken – im Kopf, in Organisationen und in der Gesellschaft insgesamt.
Im Mittelpunkt eurer Arbeit steht das kollaborative Miteinander. Wie setzt ihr das konkret um?
Kollaboration bedeutet mehr als klassische Kooperation: Es geht darum, Wissen, Ressourcen und Perspektiven verschiedener Menschen, Organisationen und Netzwerke auf eine Weise zu verbinden, die wirklich Neues ermöglicht – Bewegungen und Lösungen, die mehr sind als die Summe ihrer Teile.
In unserem Programm betterplace co:lab haben wir Workshops entwickelt und Kollaborations-Cluster mit ganz unterschiedlichen Akteur:innen angestoßen. Im Fokus steht dabei die Vermittlung von Kompetenzen für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Menschen und Organisationen. Es geht um Reflexion, Analyse und Kommunikation, um Unsicherheiten im Miteinander zu reduzieren und Kollaborationshürden abzubauen. Das Angebot richtet sich an Engagierte aus der Zivilgesellschaft, aber auch an Interessierte aus dem öffentlichen und privatwirtschaftlichen Sektor. Aus den gesammelten Erfahrungen haben wir vor kurzem auch einen Reflexionsleitfaden für gelingende Kollaboration verfasst.
Welche Voraussetzungen braucht eine funktionierende Zusammenarbeit?
In unserem Leitfaden für gelingende Kollaboration fassen wir die zentralen Faktoren zusammen. Dazu gehört eine klare Intention, eine transparente Rollenklärung und ein echtes Commitment der Beteiligten, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend sind aber auch der Mut und die Bereitschaft, Muster abzulegen, die uns tief prägen, wie ein Verfolgen der eigenen Interessen und Konkurrenzdenken. Für echte Kollaboration sind Transparenz und Vertrauen ganz wesentliche Grundlagen.
Was sind für euch gute Beispiele für eine gelungene Kollaboration?
Das ist keine leichte Frage, da wir oft nach außen nicht sicher sagen können, welche „inneren“ Prozesse eine Kollaboration hat. Fühlen sich alle Beteiligten richtig eingebunden und stehen zu 100 Prozent hinter dem gemeinsamen Projekt? Das wissen wir nur, wenn wir alle Kollaborationspartner:innen fragen – und dazu haben wir bislang keine umfassende Forschung betrieben.
Eine gelungene Kollaboration war nach unserem Verständnis aber zum Beispiel die Bundesarbeitsgemeinschaft Gegen Hass im Netz, in der die Partner:innen aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft, gemeinsam Wissenstransfer rund um das Thema Hate Speech und Daten dazu organisiert haben. Eine beeindruckende Spontan-Kollaboration zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik entstand 2022 rund um die private Unterbringung von Geflüchteten, aus der die gemeinnützige Plattform Unterkunft Ukraine hervorging.
Welche Kompetenzen sollten Teammitglieder mitbringen, damit Kollaboration gelingt?
Aus unserer Sicht sind dafür drei Kompetenzen entscheidend:
- Die Fähigkeit zu vertrauen, das heißt, sich im Kreise des Kollaborationsteams sicher fühlen zu können.
- Empathie und Multiperspektivität. Dazu gehören ein echtes Interesse an den Perspektiven der Anderen, aktives Zuhören und der Willen, ein gegenseitiges und geteiltes Verständnis zu entwickeln. Dafür ist auch eine gute Ambiguitätstoleranz wichtig, also Dinge nebeneinander stehen zu lassen und Spannungen benennen und aushalten zu können.
- Eine kollaborative Haltung – das beinhaltet die Bereitschaft, sich zu öffnen, gemeinsam zu reflektieren & lernen – auch bei schwierigen Themen und Gefühlen wie etwa Konkurrenzdenken.

Wie geht ihr mit Spannungen im Team in Kollaborationsprozessen um?
Spannungen sind in kollaborativen Prozessen nicht die Ausnahme, sondern strukturell eingebaut – und können produktiv gemacht werden. Wo Menschen zusammenarbeiten, treffen unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Werte aufeinander – und genau daraus entstehen oft kreative Lösungen und ein stärkerer Zusammenhalt.
Der erste Schritt ist, Spannungen frühzeitig wahrzunehmen und anzusprechen. Dann können wir uns fragen, auf welcher Ebene wir eine Klärung finden können:
- Liegt die Spannung nur bei mir und wenn ja, wie kann ich sie auflösen?
- Muss ich das Gespräch mit einem Teammitglied suchen?
- Brauchen wir in einem nächsten Schritt eine Mediation?
Auch regelmäßige Termine, um Dinge anzusprechen oder Schwieriges gemeinsam zu verdauen, sind hilfreich. So etablieren wir gleich einen Spannungsabbau-Routine. Außerdem empfehlen wir in Kollaborationen immer, dass eine (weitere) interne oder externe Person die Rolle der Prozessbegleitung einnimmt und damit eine besondere Sensibilität und ein klares Mandat hat, Spannungen auf den Tisch zu bringen.
Um gesellschaftliche Transformation zu gestalten, braucht es eine bewusste Verbindung. Wie gelingt diese Verbindung im Innen und Außen?
Für uns im betterplace lab gehören innere Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel unbedingt zusammen. Prosoziales Verhalten schafft am ehesten zuträgliche Bedingungen für Veränderung – denn die Gesellschaft ist eine Spiegelung von uns Menschen, und damit beginnt die Arbeit erst einmal bei uns selbst.
Die Inner Development Goals bieten hier einen guten Kompass: Sie zeigen auf, welche inneren Fähigkeiten und Haltungen Menschen und Organisationen benötigen, um die Lücke zwischen Wissen, Einstellungen und Verhalten zu verkleinern und die Sustainable Development Goals wirkungsvoll umzusetzen.
Realer Wandel geht natürlich weit über Individuen hinaus. Er erfordert eine Verschiebung in der Art, wie wir in Beziehung gehen, zusammenarbeiten und Systeme gestalten. Auf gesellschaftlicher Ebene verbindet sich das mit einer klaren Vision: In einer Resonanzgesellschaft sind Menschen in der Lage, durch aktives Zuhören aufeinander einzugehen und gemeinsam demokratisch zu handeln. Die Verbindung von innen – Selbstreflexion, Beziehungsfähigkeit, innere Haltung – und außen – kollaborative Strukturen, demokratische Praxis, systemische Veränderung – ist damit kein Widerspruch, sondern beschreibt zwei Seiten einer Medaille.
Inner Development Goals
Inner Development Goals ist eine gemeinnützige Open-Source-Initiative. 2021 wurde das IDG Framework, das von über 1000 Wissenschaftler:innen, Expert:innen sowie Fachleuten aus den Bereichen Personalwesen und Nachhaltigkeit gemeinsam entwickelt wurde, weltweit zugänglich gemacht. Das offene Netzwerk IDG Deutschland zielt darauf ab, Mitarbeitende aus Städten und Kommunen mit relevanten Größen aus Wirtschaft und Wissenschaft zu vereinen, um gemeinsam die Methoden und Ansätze der Inner Development Goals (IDGs) zu erforschen und anzuwenden.




