Sarina Spiegel ist Autorin des Buches Eat. Sleep. Work. Die?. Sie studierte “B.A. Internationale Wirtschaft und Entwicklung” an der Uni Bayreuth sowie “Master of Public Administration in Innovation, Public Policy and Public Value” am University College London (Prof. Mariana Mazzucato). Sie arbeitete u.a. in der Stabsabteilung Transformationspolitik im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und ist Mitgründerin eines Start-ups in der Lebensmittelbranche. Aktuell wirkt sie als Ökonomin bei ProjectTogether.
Wer bist du und was machst du?
Auf beruflicher Ebene passt wohl die leicht buzzwordy Beschreibung „Wirtschaftstransformationsexpertin und -kommunikatorin“. Konkret arbeite ich bei ProjectTogether in Berlin, wo ich mich mit der Frage beschäftige wie ein besseres Wirtschaftssystem unter Einfluss von KI aussehen könnte und wie wir via Collective Action dorthin kommen können. Das heißt: Ich schreibe und spreche und versuche die richtigen Menschen miteinander in Kontakt zu bringen.
Auf privater Ebene identifiziere ich mich gerne als Rheinländerin, gehe ab und an zu Stand-up Comedy und spiele auch mal in der Mittagspause Klavier (manchmal etwas ausartend).
Was ist deine persönliche Mission?
Ich setze mich dafür ein, wirtschaftliches Denken zu erweitern, alte und überholte Erzählungen als solche zu erkennen und durch bessere zu ersetzen und Raum für neue Ideen zu schaffen, die Innovation, Lebensqualität und Verantwortung zusammendenken.
Denn Fortschritt können wir im 21. Jahrhundert nur nennen, was innerhalb planetarer Grenzen funktioniert und dabei global sozial gerecht gestaltet wird.
Du hast das Buch „Eat. Sleep. Work. Die?“ geschrieben. Mit welcher Motivation?
Ich wollte das Buch schreiben, dass ich mir selbst mit 18 gewünscht hätte, zur sogenannten Findungsphase. Ein Buch, das sich zum einen mit den Fragen unserer Zeit auseinandersetzt:
- Warum fühlt sich Arbeit häufig so erschöpfend an?
- Warum funktioniert das mit Klimaschutz nicht schnell genug?
- Warum wirkt das Thema Wirtschaft so trocken und weit weg, obwohl es unser aller Leben betrifft?
Zum anderen sollte das Buch die (jungen) Menschen dort abholen, wo sie sind, deswegen nutze ich viele fiktive Geschichten. Mir war es wichtig weder ein Fachbuch noch eine Anklageschrift zu schreiben, sondern eine Einladung mal genauer hinzuschauen:
- Wie funktioniert dieses System?
- Was ist das Ziel?
- Was sind die Regeln und wer legt(e) sie fest?
Eat. Sleep. Work. Die?
Wie können wir unser Wirtschaftssystem neu denken, so dass die Wirtschaft wieder mehr dem Menschen dient und die Bedürfnisse aller berücksichtigt? Sarina beschreibt dies in ihrem Buch mit leicht verständlicher Sprache und zeigt auf, dass der ›Sinn vor dem Gewinn‹ stehe.
Welche neuen Wirtschaftskonzepte findest du besonders inspirierend und innovativ?
Die vier Konzepte (Doughnut Economy, Wellbeeing Economy, Gemeinwohlökonomie & Kreislaufwirtschaft – es gibt noch weitaus mehr) ziele alle auf dasselbe Ziel ab, nämlich auf ein mit dem Planeten und den Menschen kompatibles Wirtschaftssystem und haben unterschiedliche Schwerpunkte. Wo ich besonders viel Potenzial sehe, ist bei der Kreislaufwirtschaft – wenn man sie in ihrer vollen Pracht denkt. Die meisten Menschen (und Unternehmen) denken bei Kreislaufwirtschaft nämlich vermutlich an Recycling und die artgerechte Trennung von Joghurtbecher und -deckel. Tatsächlich ist der erste (und stärkste) R-Hebel der 9-Rs der Kreislaufwirtschaft „Refuse“, also Verzicht. Absolut weniger Ressourcen in den Kreislauf bringen. Das wird bisher kaum umgesetzt.
Bei der Donut-Economy finde ich spannend, dass mittlerweile durch die Donut Economics Action Labs (DEAL) das Konzept der City-Portraits entwickelt wurde. Amsterdam hat das zum Beispiel schon umgesetzt. Wenn hier also Bürgermeisterinnen und Bürgermeister mitlesen: Ihr könnt eure Stadt entlang des City-Portraits Donut-kompatibel machen und dafür mit dem DEAL in Kontakt treten.
Was hat die Theorie der vertikalen Ich-Entwicklung mit Wirtschaftstransformation zu tun?
Um hier zu vereinfachen: bei der Theorie der vertikalen Ich-Entwicklung geht es um ein Konzept aus dem Bereich „innere Entwicklung“. Ganz grundsätzlich hängen für mich innere und äußere Transformation sehr stark zusammen, de facto sind es zwei Seiten der gleichen Medaille. Denn: Wir entwickeln uns nicht nur in dem was wir wissen, sondern auch darin wie wir denken, wie wir uns und die Welt um uns herum wahrnehmen. Wie wir komplexe Zusammenhänge verarbeiten und aushalten können, wie gut wir mit Ambivalenz und Graustufen umgehen können. Wer sich damit auseinandersetzt, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur mit Komplexität im Außen besser umgehen können, sich weniger leicht aus der Ruhe bringen lassen und mit weniger zufrieden sein (denn after all: zwischenmenschliche Beziehungen sind doch eh das Wichtigste?), sondern noch dazu sehr wahrscheinlich Spaß bei dieser Art von Entwicklung haben und mehr inneren Frieden spüren.
Was sind die größten Herausforderungen und Probleme unseres jetzigen Wirtschaftssystems?
Das Grundproblem liegt im Design selbst, nämlich dass unser Wirtschaftssystem für eine Welt gebaut wurde, die es nicht mehr gibt, bzw. nie gab: fossil, unendlich und ohne Rücksicht auf das, was es verbraucht. Es misst Erfolg in den relevanten Bereichen fast ausschließlich am Wachstum (als Selbstzweck), obwohl zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt weder Ungleichheit, noch Wohlbefinden oder den Verbrauch von Ressourcen erfasst (im Gegenteil: ein Wald hat im Sinne des BIP erst dann einen Wert, wenn er gerodet und verkauft wird). Dazu kommt: Das System hat eingebettete Anreize, die es extrem schwer machen, es von innen zu verändern. Die Menschen, die es am leichtesten verändern könnten, profitieren oft davon, dass es bleibt, wie es ist.
Was sind die stärksten Hebel für ein sozial gerechteres Wirtschaftssystem?
Nehmen wir hier mal exemplarisch drei Hebel (Spoiler: Wir müssen sehr viele Hebel gleichzeitig betätigen):
- Der Hebel der Macht- und Entscheidungsstrukturen. Die Menschen, die heute Wirtschaftspolitik machen, haben häufig eine sehr ähnliche ökonomische Ausbildung genossen, weshalb sich Fehler wiederholen. Wir brauchen unterschiedlichere Köpfe (ohne Interessenskonflikte) in den Räumen, wo Entscheidungen getroffen werden.
- Der Hebel der Spielregeln selbst. Also zum Beispiel Eigentumsrecht, Steuerrecht und Wettbewerbsrecht. Generell ist das Recht ein starker Hebel für ein besseres Wirtschaftssystem, denn hier wird festgelegt, wer von was wie und zu welchen Konditionen profitiert.
- Der Messhebel, denn es gilt „We manage what we can measure“. Solange der Erfolg von Regierungen am BIP-Wachstum und der von Konzernen an der Profitzunahme gemessen wird, wird auch daraufhin gemanaged.

Warum sind Collective Action und Co-Kreation so bedeutend?
Weil die Probleme, vor denen wir stehen, zu groß und zu komplex sind für einzelne Akteure. Kein Unternehmen, kein Ministerium und keine NGO schafft das alleine. Ein bisschen ist das, wie alte Kabelkopfhörer, die sich umso stärker verknoten, je mehr man mit Kraft einfach so an nur einem Ende zieht.
Bei ProjectTogether sprechen wir davon, dass es eine Art neues Betriebssystem braucht für die Gesellschaft: Dass also verschiedene Akteure in eine Richtung ziehen ohne, dass einer die gesamte Übersicht und Kontrolle haben kann oder muss. Co-Kreation ist dabei wichtig, weil Lösungen meistens dann nachhaltiger und besser sind, wenn die Menschen, die das Problem kennen auch diejenigen sind, die mitdenken und mitentwickeln.
ProjectTogether und Collective Action
Mehr zur Arbeit und dem systemischen Ansatz von ProjectTogether am Beispiel der Mental Health Alliance erfährst du im Blogpost von Paolina Hagengruper und Vanessa Gstettenbauer.
Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es, um die Transformation zu beschleunigen?
Wenn wir von Rahmenbedingungen sprechen, würde ich mir ganz grundsätzlich wünschen, dass wir als Gesellschaft endlich in ein ehrliches Gespräch kommen: Worauf wollen wir unser Wirtschaftssystem eigentlich ausrichten? Wie cool (und unerwartet) wäre es, wenn der Kanzler zu so einer Art von Dialog aufruft? Dabei sollte die Bevölkerung von Anfang an beteiligt sein, zum Beispiel in Form von digitalen Bürgerräten, mit demokratisch eingesetzter KI ist hier viel möglich. Oder auch: öffentliche Vergabe als Transformationsinstrument stärker nutzen. Und: mutigere und sinnvolle Investitionen, in das, was eine Gesellschaft im Kern zusammenhält: Pflege, Bildung, Infrastruktur, um nur drei Beispiel zu nennen.
Was kann jede:r von uns noch heute tun, um positive Veränderung zu bewirken?
Dazu sage ich: IIMM – (sich) informieren, (sich) inspirieren (lassen), (sich und andere) motivieren und zu guter Letzt mobilisieren.
Denn wir müssen zunächst verstehen, dass das Wirtschaftssystem kein Naturgesetz ist. Das klingt banal und nach wenig, ist aber wahnsinnig viel, wenn man das beim Wort nimmt. Wenn wir aufhören so zu tun, als wären Ziel und Spielregeln unveränderlich, dann kommen Fragen auf: Wer hat diese Regeln gemacht? Wem nützen sie heute noch? In meinem Freundeskreis beobachte ich deshalb nach umfassender Information, Inspiration und Motivation eine große Suchbewegung (Mobilisierung), Stichwort „Handabdruck“: Wenn man sich einmal mit dem Systemdesign auseinandergesetzt hat und das Privileg hat, sich einen Job auszusuchen, dann wächst das Bedürfnis die Lebenszeit so einzusetzen, dass man zum Guten beiträgt.
Ah ja, und was wir alle wissen und tun können ist natürlich: weniger tierische Produkte essen.




