GdI-Interviews: Digitale Angebote mit echten Menschen

Interview mit Dr. Bernd Josef Leisen (ViVerA) von Katja Armbruckner (u-institut, Gesellschaft der Ideen)

ViVera

Das Ziel von ViVerA ist es, Freiwillige für die Altenpflege zu begeistern und mit ihnen deutschlandweit ein breit gefächertes Angebot an virtuellen Veranstaltungen zu etablieren. Nicht nur das Freizeit- und Betreuungsangebot für Bewohner:innen und Mitarbeitende wird dadurch nachhaltig bereichert, sondern es werden neue, generationsübergreifende Sozialkontakte ermöglicht. Die Idee wurde von Prof. Dr. Vanessa Mertins, Dr. Devin Kwasniok und Dr. Bernd Josef Leisen von der Universität Vechta entwickelt. Ende Dezember 2025 hat ViVera die Praxisphase von Gesellschaft der Ideen (GdI) erfolgreich beendet. Mehr Infos zu ViVerA im Infoblatt oder via Dr. Bernd Josef Leisen.

Katja: ViVerA war eines der letzten Projekte, das noch bis Ende 2025 in der Praxisphase von GdI begleitet wurde. Wenn du auf die vergangenen fünf Jahre zurückblickst: Was waren für dich die größten Erfolge, aber auch die größten Herausforderungen?

Bernd: Ein sehr frühes und prägendes Erfolgserlebnis war tatsächlich schon die Anfangsphase 2020/21. Damals hatten wir noch kein ausgearbeitetes Konzept und waren selbst keine Experten für Betreuungsangebote. Trotzdem haben wir uns bewusst dafür entschieden, ViVerA von Anfang an partizipativ zu entwickeln – gemeinsam mit Einrichtungen, Betreuungskräften, Sozialdiensten und Bewohner:innen. Wir haben einfach E-Mails verschickt und waren selbst überrascht, wie groß die Resonanz war: Rund 40 bis 50 Einrichtungen wollten sofort mitmachen. In einer eigentlich sehr schwierigen Zeit, damals während Corona, entstand dadurch ein sehr intensiver, schöner Frühling und Sommer 2021, in dem wir viele Angebote direkt in der Praxis ausprobieren konnten. Diese frühen Einblicke in den Alltag der Einrichtungen und die gemeinsame Zeit mit den Menschen waren für mich ein sehr prägender Moment, der uns als Team auch bestärkt hat, weiterzumachen. Ein weiterer wichtiger Erfolg war, dass sich mit der Zeit unsere Zielgruppe klarer herauskristallisiert hat. Beim Deutschen Seniorentag 2025 wurde deutlich, dass nicht nur Betreuungskräfte oder engagierte Einrichtungsleitungen Interesse haben, sondern vor allem auch Referent:innen aus Landkreisen und von sozialen Trägern, die sich mit Altenhilfe, aber auch Qualitätsmanagement oder Freiwilligenarbeit beschäftigen. Diese Akteur:innen organisieren Netzwerke und Konferenzen und sind dadurch wichtige Multiplikator:innen für uns. Sie halfen uns ViVerA deutlich bekannter zu machen.

Ein großer Schritt war auch, dass wir uns an Stiftungsfinanzierungen herangewagt haben, trotz sehr geringer Eigenmittel. Dass wir inzwischen zwei Förderungen, eine erfolgreiche Spendenkampagne und viele engagierte Ehrenamtliche haben, ermöglicht es uns, das Projekt fortzuführen. ViVerA kann heute in gewisser Weise aus sich selbst heraus weiterexistieren.

Katja: Ihr habt eure Struktur und euer Angebot in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und ausgebaut. Wie sieht das heute aus?

Bernd: Wir arbeiten inzwischen mit einem Drei-Säulen-Modell. Zum einen gibt es den Verein als eine Art digitale Taskforce aus Freiwilligen. Dann haben wir eine gGmbH gegründet, die sich explizit um die Einwerbung und Verwaltung von Projektmitteln kümmert. Dort übernimmt Maximilian Hiller, ein enger Wegbegleiter und Experte für Rechnungswesen und Personalmanagement, die administrativen Prozesse. Die dritte Säule ist die Universität, wo wir Forschungs- und Innovationsaspekte verankern. Diese Struktur gibt uns Stabilität und Handlungsspielraum.

Inhaltlich haben wir unsere Erfahrungen aus verschiedenen Projekten gebündelt. Wir decken heute Technikvermittlung, digitale Freizeitangebote, Service-Learning an Hochschulen und temporäre Engagementformate an Schulen ab. ViVerA ist dabei zum zentralen Baustein in einem größeren Gesamtpaket geworden.

Katja: Was braucht es konkret, damit Einrichtungen die ViVerA-Angebote nutzen können?

Bernd: Zunächst braucht es eine Anschubförderzeit von etwa neun Monaten, um das Angebot in einer Einrichtung oder in einem Bereich etablieren zu können. Drei Dinge sind dabei wichtig: Erstens eine bedarfsgerechte digitale Ausstattung, zweitens die In-House-Schulung für Betreuungskräfte, damit die Technik auch sinnvoll genutzt werden kann und drittens ein regionales Freiwilligenteam von mindestens zwei bis drei digitalen Freiwilligen, die das Angebot eigenständig weiterführen. Wir unterstützen bei Rekrutierung, Qualifizierung und Koordination. Inzwischen kooperieren wir bundesweit mit Ehrenamtsagenturen, Digitalkompass-Standorten und digitalen Lots:innen.

Ein besonderes Highlight ist für uns dabei die Arbeit mit Schüler:innen. Entgegen vieler Vorurteile haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht, wenn das Ehrenamt niedrigschwellig in Schulen integriert wird – etwa über AGs oder Projekttage an Berufsfachschulen. Viele junge Menschen probieren das Engagement aus und bleiben dann eventuell auch beruflich dabei.

Katja: Wie weit ist das Projekt regional inzwischen gewachsen?

Bernd: Hochschulformate laufen mittlerweile an über zehn Hochschulen. Schulformate haben wir regional pilotiert; aktuell rollen wir ein größeres Paket im Landkreis Vechta aus, mit großem Interesse seitens der Schulen. Wir sind mit unseren Angeboten im Osten (Thüringen), Süden (Baden-Württemberg) und im Norden (Niedersachsen, Bremen) in Einrichtungen aktiv. Die Idee ist, unsere Programme regionenweise mit regionalen Stiftungsförderungen aufzubauen.

Katja: Glaubst du, ViVerA hätte ohne die anfängliche Förderung überlebt?

Bernd: Wahrscheinlich nicht in dieser Form. Ohne die längere Förderphase wäre es vermutlich ein rein forschungsorientiertes Projekt geblieben, vielleicht ein Modul an der Uni. Die heutige Vielfalt an Formaten, Schulungen und Strukturen hätte ohne diese Zeit nicht entstehen können.

Katja: Was hat das Projekt persönlich mit dir gemacht?

Bernd: Es war extrem bereichernd. Ich war selbst nie über ViVerA finanziert, habe aber viel Zeit investiert, weil ich den positiven Impact gesehen habe. Die gemeinsamen Erlebnisse in den Einrichtungen, die Beziehungen über Jahre hinweg – das hat meinen Blick auf Soziale Innovationen stark geprägt. Wir haben gelernt, unternehmerisch zu denken und mit vorhandenen Ressourcen kreativ umzugehen.

Katja: Wo siehst du ViVerA in zehn Jahren?

Bernd: Im Idealfall haben noch mehr Regionen funktionierende Strukturen, die weitgehend selbstständig laufen. Vielleicht stellen wir dann vor allem Inhalte bereit und sind beratend tätig. Mein Wunsch wäre außerdem, dass möglichst viele Studierende niedrigschwellige digitale Ehrenämter ausprobieren und dass die Engagementquote insgesamt steigt.

Katja: Und dein persönliches Ziel?

Bernd: Solange das Projekt für Einrichtungen, Bewohner:innen sowie Freiwillige eine echte Bereicherung ist und wir Freude daran haben, machen wir weiter. ViVerA zeigt, dass digitale Angebote mit echten Menschen soziale Beziehungen stärken können und genau das motiviert mich.