Resilienz statt Reparatur: Wie Collective Action die mentale Gesundheit junger Menschen stärken kann

Gesellschaftliche Herausforderungen brauchen kollektives Handeln

Klimawandel, geopolitische Unsicherheiten, technologische Umbrüche: Die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht innerhalb eines einzigen Sektors lösen. Sie wirken tief in die Gesellschaft hinein, so auch auf die psychische Gesundheit junger Menschen, die in diesen Dauerkrisen aufwachsen. Und doch arbeiten die Interessengruppen in unserer Demokratie oft noch nach altbekannten Mustern: Politik beschließt, Wirtschaft fordert, Zivilgesellschaft mahnt.

 

Was es braucht, ist eine andere Praxis: Collective Action.

Das bedeutet nicht den nächsten Appell an die Politik, sondern die gemeinsame Verantwortungsübernahme für gesellschaftliche Aufgaben: sektorenübergreifend, lösungsorientiert, verbindlich. Insbesondere Bürger:innen, Politik, Verwaltung, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft tragen gemeinsam Verantwortung für das Gelingen. 

Demokratie wird dabei zur kollektiven Mission aller Akteure. Es gilt, wegzukommen von der Konsumhaltung in der Demokratie hin zur Haltung des gemeinsamen Anpackens.

Dass sich dieser Ansatz lohnt, ist kein Wunschdenken. Wir erleben es täglich in unserer Arbeit bei ProjectTogether und der Mental Health Alliance: Wo Menschen sektorenübergreifend und vertrauensvoll zusammenkommen und gemeinsam systemisch über Verbesserungen nachdenken, entsteht ein konkreter, positiver Veränderungsimpuls. Diese praktische Erfahrung ist die Grundlage unseres Optimismus.

ProjectTogether: Ein Betriebssystem für Collective Action

Damit Collective Action gelingt, braucht es mehr als guten Willen. Es braucht Strukturen und Prozesse, die sektorenübergreifende Zusammenarbeit als “Betriebssystem” verbindlich nutzen. 

ProjectTogether baut seit Jahren genau dieses Betriebssystem. In breiten Allianzen bringen wir Akteur:innen aus allen Sektoren zusammen, um konkrete Herausforderungen zu lösen: etwa in der Staatsmodernisierung (Re:Form), im Bauen und Wohnen (Bauwende-Allianz) oder in der mentalen Gesundheit junger Menschen (Mental Health Alliance).

Die Allianzen folgen einer klaren Logik: Sie überwinden ideologische Differenzen und verbinden die Kräfte aller Beteiligten zu wirksamen Ergebnissen.

Ein Beispiel ist das Umsetzungslabor für den Bau-Turbo: Über 2.000 Praktiker:innen aus Kommunen waren nicht nur Adressat:innen von Politik, sondern wirkten als Ko-Autor:innen der Umsetzung. Oder der #WirVsVirus-Hackathon und das anschließende Umsetzungsprogramm, bei dem 2020 gemeinsam mit der Bundesregierung 28.000 Bürger:innen und Fachleute aus Verwaltung, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft an Lösungen für die Pandemie arbeiteten in einer anderen Form von Staat, der sich offen und lernend zeigte.

Wer auf Deutschland schaut, sieht derzeit vor allem das, was nicht funktioniert. Was dabei aus dem Blick gerät: An vielen Stellen entsteht bereits eine andere Praxis. In Ministerien, in Kommunen, in Unternehmen, in der Wissenschaft, in zivilgesellschaftlichen Initiativen gibt es  Menschen, die nicht warten, bis „die Politik liefert”, sondern die das Liefern selbst zur gemeinsamen Aufgabe machen.

© Vonecia Carswell, Unsplash

Mental Health Alliance: Resilienz aufbauen, bevor Krisen entstehen

Eine der Allianzen bei ProjectTogether, die nach diesen Prinzipien arbeitet, ist die im Februar 2026 gelaunchte Mental Health Alliance (MHA). Initiiert und getragen wird sie von der alv Foundation, der Beisheim Stiftung, der Bertelsmann Stiftung, krisenchat, ProjectTogether und der Robert Bosch Stiftung. Gemeinsam mit über 80 Gestalter:innen aus Wissenschaft, Versorgung, Politik, Wirtschaft und jungen Menschen selbst verfolgt die MHA ein klares Ziel: ein grundlegend neues System der mentalen Gesundheitsförderung für junge Menschen in Deutschland.

Im Kern steht ein Paradigmenwechsel: weg vom reaktiven Reparieren, hin zur aktiven Stärkung von Resilienz, auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene. Denn ein resilientes Individuum braucht ein resilientes System, das es frühzeitig trägt, stärkt und schützt. Konkret heißt das: ein gestuftes, früh ansetzendes Unterstützungssystem (Stepped Prevention & Stepped Care), das junge Menschen in ihren Lebenswelten (insbesondere in der Schule, in der Familie und digital) frühzeitig erreicht; und nicht erst, wenn sich Symptome schon manifestiert haben, in der Klinik.

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Warum jetzt und warum junge Menschen?

Bis zu drei Viertel aller psychischen Erkrankungen, die im Erwachsenenalter bestehen, beginnen vor dem 25. Lebensjahr. Genau hier wird die Grundlage für lebenslange psychische Gesundheit gelegt oder eben nicht.

Deutschland hat in diesem Thema kein Erkenntnisproblem, sondern ein Strukturproblem. Das zeigt sich an einer Zahl, die alarmieren sollte: Fast die Hälfte aller stationären Aufnahmen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgt als Notfall. Mit anderen Worten: Das System wird oft erst erreicht, wenn die Situation eskaliert ist, wenn nur noch die teuerste, am stärksten eingreifende Stufe bleibt. Die ersten Belastungszeichen werden monatelang von niemandem aufgefangen.

Das ist Reparatur statt Resilienz. Und es hat Folgen: für junge Menschen, die auf Wartelisten ausharren, und für die Gesellschaft, die jährlich mindestens 147 Milliarden Euro an direkten und indirekten Folgekosten psychischer Erkrankungen trägt. Dabei fließen weniger als fünf Prozent der Gesundheitsausgaben in Prävention; darin zeigt sich, dass der überwiegende Teil des Systems auf Behandlung ausgerichtet ist, nicht auf Verhinderung.

Die Mitglieder der MHA setzen deshalb früher an: bei Gesundheitsförderung, Prävention und Frühintervention, bevor langwierige, kostspielige und belastende Behandlungen notwendig werden. Das ist nicht nur menschlich geboten, sondern ökonomisch zwingend in einem System, das sparen mus

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Wie aus Reparatur Resilienz wird: zwei Beispiele

Wie das gelingt, lässt sich am besten dort zeigen, wo es bereits funktioniert.

In Berlin gibt es mit soulspace einen Ort, an dem junge Menschen einfach hereinkommen können – ohne Überweisung, ohne Diagnose, ohne Krankenkassennachweis. Soulspace führt drei Partner unter einem Dach zusammen: die Beratungsstelle transit, die Erwachsenenpsychiatrie am Vivantes Klinikum am Urban und die Vivantes Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das Bemerkenswerte: Rund die Hälfte der jungen Nutzer:innen hatte zuvor noch nie professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Der Ort erreicht also genau jene, die das reguläre System bisher nicht erreicht hat. Und er entlastet die Versorgung, statt sie zu überlasten: Ein Drittel der jungen Menschen ist nach ein bis zwei Beratungen wieder selbst handlungsfähig, ein weiteres Drittel stabilisiert sich über mehrere Kontakte und nur das letzte Drittel wird in die Regelversorgung weitergeleitet.

Ähnlich wirkt krisenchat, eine der Gründungsorganisationen der MHA: kostenlose, psychosoziale Krisenberatung per Chat, rund um die Uhr in der digitalen Lebenswelt, wo junge Menschen ohnehin sind. Für viele ist krisenchat der allererste professionelle Kontakt überhaupt. Dieser erste niedrigschwellige Schritt wirkt nachweislich als Brücke in weiterführende Hilfe: Eine Längsschnittstudie zeigt, dass knapp die Hälfte der Nutzer:innen innerhalb von vier Wochen den empfohlenen Dienst kontaktierte; bei der großen Mehrheit hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Termin stattgefunden oder war vereinbart. Ein anonymer Chat in der Nacht wird so zum Weg in eine Versorgung, die ein junger Mensch sonst vielleicht nie gefunden hätte.

Beide Beispiele zeigen dasselbe Prinzip: Wenn der erste Schritt niedrig genug ist, finden junge Menschen früh Halt und das System wird entlastet und nicht überfordert.

Unsere Arbeitsweise: Vertrauen, Tempo, Mut

Wie genau arbeitet die MHA daran, solche Ansätze in die Fläche zu tragen? Drei Dinge machen unseren Ansatz aus:

  • Erstens der Vertrauensraum. Die MHA schafft geschützte Räume, in denen Akteure in ungewöhnlicher Konstellation (Wissenschaft, Versorgung, Krankenkassen, Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und junge Menschen) nach dem Chatham-House-Prinzip offen und auf Augenhöhe sprechen. Hier fließen wissenschaftliche Evidenz und Erfahrungswissen aus der Praxis gleichberechtigt zusammen. Genau dieser Vertrauensraum macht ehrliche Gespräche über das möglich, was sonst zwischen Zuständigkeiten verloren geht.
  • Zweitens Tempo und Mut. Statt in dauerhaften Arbeitsgruppen zu verharren, arbeiten wir in fokussierten, zeitlich begrenzten Umsetzungsprojekten an konkreten Systemlücken pragmatisch, offen, lösungsorientiert. Wir loten gemeinsam Möglichkeiten aus und laufen dann missionsorientiert los, statt auf den großen Wurf zu warten.
  • Drittens Anschlussfähigkeit. Die MHA baut keine Parallelstrukturen auf, sondern knüpft bewusst an bestehende Arbeit, erprobte Ansätze und vorhandene Netzwerke an. Sie versteht sich als Gestalterin, nicht als Kommentatorin.

Nicht über junge Menschen, ohne junge Menschen

Ein Grundsatz durchzieht die gesamte Arbeit der MHA: Mentale Gesundheit darf nicht ohne junge Menschen verhandelt werden. Die Gruppe mit den meisten Betroffenen ist zugleich die wichtigste Stimme im System; sie weiß, wo das System versagt, oft lange bevor es in den Daten sichtbar wird.

Konkret heißt das: Junge Menschen und Menschen mit eigener Versorgungserfahrung wirken in der MHA als gleichberechtigte Wissensquelle mit in der inhaltlichen Arbeit ebenso wie in den Vorschlägen, die daraus entstehen. Partizipation ist dabei ein strukturelles Prinzip.

Interview mit Leonie Müller von Kopfsachen e.V.

Kopfsachen e.V. ist ein Verein zur Förderung der mentalen Gesundheit junger Menschen. Da Prävention überall und sektorübergreifend stattfinden muss, ist Kopfsachen e.V. im partizipativen Prozess mit der Perspektive der Jugendlichen in der Mental Health Alliance engagiert.

Eine Einladung zur Mitgestaltung

Die Mental Health Alliance ist eine wachsende Bewegung. Fachleute, Organisationen und Förderpartner:innen sind eingeladen, sich aktiv einzubringen und bewährte Ansätze in die Fläche zu tragen.

Die MHA baut auf bestehender Praxis, Ver­ant­wor­tung und Erfahrung auf. Wenn du unsere Vision und Haltung teilst und Interesse hast, unsere Arbeit zu verfolgen und ge­ge­be­nen­falls informiert zu werden, kannst du hier dein Interesse bekunden.

Denn gesellschaftliche Resilienz entsteht nicht durch einsames Handeln – sie entsteht, wenn wir sie gemeinsam aufbauen. Neue Formen von Collective Action sind die eigentliche Quelle demokratischer Zuversicht. Sie zeigen nicht nur, dass die alte Arbeitsteilung ausgedient hat. Sie zeigen vor allem: Wir können das, wenn wir es gemeinsam tun!

Foto von Vanessa Gstettenbauer von project together
© Florian Scheible

Vanessa Gstettenbauer

Co-Mission Lead der Mental Health Alliance

Foto von Paolina
© Florian Scheible

Paolina Hagengruber

Co-Mission Lead der Mental Health Alliance