KI und Gemeinwohl 2026: Ein Blick unter die Motorhaube

Je schneller sich das Nachrichtenkarussell zu Künstlicher Intelligenz dreht, desto schwieriger und gleichzeitig wichtiger ist es, den Überblick zu behalten. Im Artikel ordnet Julia Gundlach, Expertin für gemeinwohlorientierte KI, technologische und politische Entwicklungen der letzten Monate ein und gibt drei konkrete Impulse für gemeinwohlorientierte Organisationen.

Gemeinwohlorientierte Künstliche Intelligenz

Technik ist weder gut noch böse – eine Einsicht, die der Historiker Melvin Kranzberg bereits in den 1980er Jahren formulierte. Für Künstliche Intelligenz (KI) gilt dasselbe. Entscheidend ist, wie und zu welchem Zweck sie eingesetzt wird. In den letzten Jahren sind zahlreiche innovative KI-Projekte entstanden, die gezielt gesellschaftlichen Nutzen fördern wollen. Gemeinwohlorientierte Organisationen setzen KI ein, um ihre Wirkung zu verstärken und soziale Herausforderungen zu adressieren. Im ersten Blogbeitrag dieser Reihe hat Florian Birk einige davon vorgestellt.

Eine allgemeingültige Definition von gemeinwohlorientierter KI gibt es dabei nicht .

Vielmehr geht es um die Berücksichtigung einiger Prinzipien: Es werden gesellschaftlich relevante Herausforderungen adressiert statt nur die Gewinnmaximierung als Ziel zu verfolgen. Die Technologie wird transparent und nutzer:innenorientiert entwickelt sowie eingesetzt und dabei die negativen Auswirkungen auf andere Menschen und die Umwelt möglichst klein gehalten.

Im Jahr 2026 ist es so entscheidend wie nie zuvor, die Bewertung von Gemeinwohlorientierung nicht nur von dem oberflächlichen Blick aufs Endprodukt abhängig zu machen. Stattdessen braucht es einen Blick auf das darunterliegende Fundament: die Rechenleistung, die Daten, Modelle und Software, die für KI-Einsätze gebraucht werden. Weil diesesFundament so inhärent von politischen Entscheidungen und technologischen Entwicklungen abhängig ist, ist es wichtig, diese genauer unter die Lupe zu nehmen.

Technologische Entwicklungen: Zunehmend abhängig, autonom und gehypt

Im September 2025 sprach Meredith Whittaker, Präsidentin der Stiftung hinter der Messanger-App Signal, auf der Bühne im Publix Berlin. Ihre Analyse war klar, kritisch und pessimistisch: Die Abhängigkeit von einigen wenigen Technologie-Unternehmen und der unreflektierte Hype um KI nimmt stetig zu, während KI-Agenten einen Paradigmenwechsel einläuten.

Abhängigkeit von Big Tech

Die aktuelle Entwicklung um KI geht immer stärker Richtung kapitalintensive, proprietäre Skalierung. Einige wenige Akteure kontrollieren das gesamte technologische Fundament, von der Rechenleistung und den Datensätzen bis hin zu den Anwendungen. Die US-amerikanischen Technologie-Konzerne investieren enorm viel Geld in Rechenzentren und Chips, insbesondere zum Betrieb von generativer KI. Die Unternehmen Microsoft, Alphabet, Meta und Nvidia haben 2025 in dem Bereich mehr als 400 Milliarden US-Dollar investiert. Damit entsteht eine zunehmende Privatisierung der digitalen Infrastruktur, die einer demokratischen Kontrolle weitestgehend entzogen ist. Und die Abhängigkeit von ihnen wächst stetig.

Nicht nur große Teile unserer Kommunikation, unseres Arbeitens und unseren sozialen Medien basieren auf den Diensten dieser Unternehmen – zunehmend auch die wirtschaftliche Entwicklung als Ganzes: Gemeinsam mit Apple waren diese vier Unternehmen im vergangenen Jahr für fast die Hälfte des Anstiegs des Aktienindexes S&P 500 verantwortlich. Die Investitionen in KI haben entscheidenden Einfluss auf das Wirtschaftswachstum in den USA. Auch die Volkswirtschaft wird so zunehmend abhängig vom Erfolg der KI-Investitionen. Ein tragfähiges Geschäftsmodell für generative KI existiert derweilen noch nicht.

Alternativloser Hype

Wir erleben also eine Phase des KI-Hypes. Während sich das konkrete Wertversprechen von generativer KI im Alltag noch beweisen muss, sind die Zukunftsversprechungen genauso grenzenlos wie die Investitionen, die in die Infrastruktur gesteckt werden. Diese Investitionen führen zu einem inhärenten Drang, Erfolg haben zu müssen und ein Platzen der Blase würde zu weitreichenden Disruptionen führen.

Karen Hao, Journalistin und Autorin des Buchs „Empire of AI“ ist so vertraut mit dem Unternehmen Open AI und seinem Chef Sam Altman wie wenige andere. In ihrem neuen Buch spricht sie von einem globalen Hype um KI, der nicht auf einer technologischen Logik basiert, sondern einer imperialen. Unternehmen beanspruchen immer mehr Ressourcen, ob es nun Land, Energie, Wasser, die kreative Arbeit von Künstler:innen oder Daten unzähliger Menschen sind. Alternativlos – so das Narrativ – sei dieses Vorgehen, um im KI-Wettrennen voranzukommen und um möglichst schnell der vermeintlich rosigen KI-Zukunft entgegenzustreben.

Agentische Absichten

Im letzten Jahr hat sich generative KI tief ins Leben und Arbeiten vieler Menschen integriert. Nun steht die nächste Stufe der Automatisierung bevor: KI-Agenten. Diese sollen Routineaufgaben selbstständig übernehmen können, indem sie Freigaben, Zugriff auf Accounts und dadurch viel Kontextwissen über ihre Nutzer:innen erhalten.

Worauf Meredith Whittaker aufmerksam macht: Das ist nicht nur eine neue Spielart von KI, sondern ein neues Paradigma. Die algorithmischen Agenten eröffnen neue Angriffspunkte im Hinblick auf Cybersicherheit, ermöglichen eine tiefere Überwachung und gefährden Datensicherheit wie Privatsphäre. Obwohl diese Risiken öffentlich noch kaum diskutiert werden, sind solche Systeme bereits im Einsatz.

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Politische Entwicklungen: Zwischen Machtpolitik und Souveränitätsbestrebungen

Neue Machtpolitik um Künstliche Intelligenz

Ein Bild zu Beginn des Jahres 2025 warf lange Schatten voraus: Bei der Amtseinführung von Donald Trump demonstrierten die Chefs von X, Amazon, Apple, Meta und Google die Nähe zum US-Präsidenten. Im vergangenen Jahr hat sich gezeigt: Der Präsident lässt ihnen freie Hand und unterstützt ihre Interessen.

Paradebeispiel der Verzahnung von Tech-Macht und Regierung: Trumps Großspender Elon Musk bekam mit der Leitung von DOGE gar die Möglichkeit, die Verwaltung zu durchleuchten und den Zugang zu sensiblen Daten von Bürger:innen. Trotz nachfolgender Streitigkeiten zwischen Musk und Trump verkündete das US-Verteidigungsministerium gerade, zukünftig den KI-Chatbot Grok von Musks Unternehmen einsetzen zu wollen und dafür alle geeigneten Daten aus den IT-Systemen des Militärs verfügbar zu machen.

Wie sich mächtige Tech-Unternehmer in die US-amerikanische Politik einbringen, erleben wir fast jeden Tag. Sie bringen einen Techno-Optimismus ins Zentrum der politischen Macht: Der Glaube daran, dasstechnischer Fortschritt jedes (gesellschaftliche) Problem lösen kann und sich niemand diesem Fortschritt in den Weg stellen sollte. Generative KI steht aktuell im Mittelpunkt dieses Fortschrittsglaubens. Neben der Vermeidung und Rückabwicklung von KI-Regulierung braucht es für diesen Fortschritt vor allem Ressourcen: billige Energie, Rohstoffe und Daten. In den USA sind durch neue, gigantische Rechenzentren, die für KI gebraucht werde, die Strompreise an manchen Orten bereits massiv angestiegen.

In Irland verbrauchen KI-Rechenzentren schon ein Fünftel des Stroms – Tendenz steigend.

Die negativen Auswirkungen dieses Fortschrittsglaubens, wie zum Beispiel auf die Umwelt, die unter anderem von Kate Crawford in ihrem Buch „Atlas of AI“ so umfassend dargestellt werden, spielen kaum eine Rolle.

Die Europäische Union bekam diesen Richtungswechsel massiv in den Zollauseinandersetzungen zu spüren. Die EU-Digitalgesetze, die fairen Wettbewerb und Verbraucher:innenschutz stärken sollen und bereits einige Verfahren gegen US-Unternehmen ermöglicht haben, sollen im Kuhhandel gegen reduzierte Zölle auf Stahl und Aluminium gelockert werden. Während der Druck und die Drohungen aus den USA zunehmen, gibt es seit September Diskussionen um die Vereinfachung der EU-Digitalgesetze – auch im Kontext der Implementierung des AI-Act.

Deutschland zwischen Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit

Bundespolitisch ist mit dem Regierungswechsel letztes Jahr die Gemeinwohlorientierung beim Thema KI aus dem Fokus geraten. Während im letzten Koalitionsvertrag noch festgeschrieben war, dass bei „der Gestaltung von KI in der Arbeitswelt […] auf einen menschenzentrierten Ansatz, soziale und wirtschaftliche Innovation ebenso wie Gemeinwohlorientierung […]“ gesetzt wird, steht im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung: „Die industrielle KI werden wir durch eine innovationsfreundliche Regulierung stärken, die die Wettbewerbsfähigkeit und die Produktivität verbessert.“

Gleichzeitig steht das Thema der digitalen Souveränität so hoch im Kurs wie selten zuvor. Der bisherige Digitalgipfel der Bundesregierung wurde 2025 sogar zum „Gipfel für europäische digitale Souveränität“ in deutsch-französischer Kooperation durchgeführt. Gleichzeitig gibt der Bund jährlich viele Millionen für Software-Lizenzen von US-amerikanischen Konzernen aus, während immer öffentlicher darüber spekuliert wird, ob die US-Regierung die Abhängigkeit von US-amerikanischen Konzernen zur Erpressung nutzen würde. Dass es anders geht, zeigt Schleswig-Holsteins öffentliche Verwaltung, die auf Open-Source Produkte umgestiegen ist.

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Drei Impulse für gemeinwohlorientierte Akteur:innen

Diese technologischen und politischen Entwicklungen können zu einem Gefühl von Ohnmacht oder Desorientierung führen. Denn sie liegen weit außerhalb unseres direkten Einflussgebiets. Gleichzeitig können viele kleine Entscheidungen große Wirkung entfalten und je mehr gemeinwohlorientierte Organisationen KI nutzen, desto wichtiger ist es, die Auswirkungen von den eigenen Entscheidungen zu reflektieren. Insbesondere in einer Zeit, in der der ökonomische Druck durch wirtschaftliche Rezession und reduzierte Fördermittel steigt und KI-Entlastung durch Produktivität und Automatisierung verspricht. Folgende drei Impulse können Orientierung in dem wilden Fahrtwasser geben.

Intellektuelle Scham prüfen

\u003cp\u003eWie wohl fühlen Sie sich, über KI zu sprechen, wie sie die Technologie einsetzen und was sie davon nicht verstehen? In meiner Arbeit fällt mir immer wieder auf, dass sich fachliches Wissen schnell technischer Expertise unterordnet. Meredith Whittaker beschreibt es als intellektuelle Scham, KI technisch nicht besser zu verstehen. Diese \u003cb\u003eScham zu überwinden ist der beste Schutz davor, einem unreflektierten Hype zu verfallen\u003c/b\u003e oder KI als Selbstzweck misszuverstehen. Fachliche Expertise ist wichtiger denn je, da KI ohne Kontextwissen wenig wert ist. Schaffen Sie Räume, in denen sie offen und unverschämt über die Technologie, ihre Begeisterung und Beunruhigungen sprechen können.\u003cbr\u003e\u003c/p\u003e

Strategischen Weitblick schärfen

\u003cp\u003eViele Organisationen fangen bei KI im Nebel der Umsetzung an, statt sich erst einmal strategisch mit gewissem Weitblick zu verschaffen. Aus dieser Reihenfolge folgt oft, dass es keinen Überblick über die genutzten KI-Tools gibt und welche Daten dort eingespeist werden. Mitarbeitende verwenden private Accounts für KI-Chatbots. Es gibt keine Richtlinien oder zugeschnittene Fortbildungsangebote. Für den verantwortungsvollen Einsatz braucht es mehr: Es ist eine \u003cb\u003ewichtige Führungsverantwortung, die technologischen und politischen Entwicklungen im Blick zu haben\u003c/b\u003e und sich aktiv dafür zu entscheiden, wie KI innerhalb der Organisation genutzt wird. Gerade Organisationen, die ihr Handeln gemeinwohlorientiert ausrichten, sollten sich mit den Verbindungen zwischen genutzten Tools, den dahinterstehenden Unternehmen und deren Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auseinandersetzen.\u003cbr\u003e\u003c/p\u003e

Gemeinsames Handeln stärken

Zusammen ist man weniger allein – und meist auch stärker. Das gilt auch für den Einsatz von KI. Nicht jede Organisation muss ihre Schulungen, ihre Richtlinien oder KI-Anwendungen von der Pike auf selbst entwickeln. Gemeinwohlorientierte Organisationen profitieren davon, ihr Wissen und ihre Ressourcen zusammenzubringen, um diese bestmöglich zu nutzen: z.B. kontextspezifische Fortbildungen KI übergreifend entwickeln, gemeinsame Datenpools für gemeinwohlorientierte Anwendungsbereiche schaffen oder im Zusammenschluss alternative Anbieter von Sprachmodellen nutzen.

Bisher sind mir wenige Initiativen bekannt, die dies systematisch tun. Dabei kann jedes bestehende organisationsübergreifende Netzwerk dafür genutzt werden, um über Synergien und gemeinsame

• Link zu der Publikation der Bertelsmann Stiftung „Vom Problem zur Anwendungsidee: Wie Künstliche Intelligenz gemeinwohlorientierte Organisationen unterstützen kann“ (2023)

• Link zu der neu entstehenden Podcast-Reihe „Agent Mensch“ von Joana Breidenbach und Bettina Rollow

• Link zu der Publikation der Bertelsmann Stiftung „Fragile Foundations: Hidden Risks of Generative AI“ (2025)

Optimistisch ins neue Jahr

Für gemeinwohlorientierte KI-Einsätze reicht es nicht, die Oberfläche in den Blick zu nehmen. Es braucht die Analyse des technischen wie politischen Fundaments, auf dem KI-Systeme gebaut sind. Optimistisch bleiben, ohne naiv zu sein: Wie geht das? Der Schlussappell im Gespräch mit Meredith Whittaker war, dass ihr Optimismus gerade darin liegt, das Schwierige, das Komplexe, das Ungelöste offen und mutig auszusprechen. Welch ein guter Vorsatz für 2026!

Julia Gundlach

Julia Gundlach berät Organisationen an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und Gemeinwohlorientierung und hält regelmäßig Vorträge zu dem Thema. Sie moderiert Workshops, Teamentwicklungsprozesse wie Gesprächsformate und begleitet Menschen bei beruflichen Herausforderungen und Veränderungsprozessen als systemischer Coach. Von 2020 bis 2025 hat sie bei der Bertelsmann Stiftung zu den gesellschaftlichen Auswirkungen von digitalen Technologien gearbeitet und sich mit ihrer Arbeit dafür eingesetzt, dass Künstliche Intelligenz stärker für gemeinwohlorientierte Zwecke genutzt wird. Zuletzt war sie Leiterin des Projekts „reframe[Tech] – Algorithmen fürs Gemeinwohl“ im Programm „Digitalisierung und Gemeinwohl“ der Bertelsmann Stiftung. Weitere Informationen unter www.julia-gundlach.de.