Interview mit Corinna Hesse vom WIR!-Bündnis Elbe Valley

Das Elbe Valley ist eigentlich keine „Region“ im klassischen Sinn, sondern ein dezentrales Innovationsnetzwerk. Ein Bündnis von Menschen, die ihre Region gemeinsam zukunftsfähiger machen wollen, das heißt für uns innovativer, nachhaltiger und resilienter. Wie das gelingt in einer ländlichen Region, die als „strukturschwach“ gilt und in ihren Potenzialen gerne mal übersehen wird, erzählt die Koordinatorin für co-kreative Zusammenarbeit im Elbe Valley, Corinna Hesse. Sie ist seit sieben Jahren Vorständin von Kreative MV – Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern e.V. und geschäftsführende Gesellschafterin der 2025 gegründeten Elbe Valley Agentur gGmbH.

 

Wer sind WIR!?

Das WIR!-Bündnis Elbe Valley ist das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit über Bundeslandgrenzen hinweg. Im ländlichen Raum sind Kooperationen wegen der langen Wege schwieriger aufzubauen, dafür halten Partnerschaften aber länger und sind stabiler. Man kennt und schätzt sich in der Innovationsszene sehr.

Daher sagte ich sofort zu, als die Grüne Werkstatt Wendland e.V. mich fragte, ob unser Landesverband Kreative MV e.V. mit ihnen gemeinsam ein Forschungsprojekt über 4 Landkreise in 4 Bundesländern aufbauen wollte. Na klar wollten wir!“

Das Elbe Valley in Zahlen

  • Wir starteten 2022 mit fünf Partner-Organisationen. Heute, 2026, sind wir 65 Verbundpartner, darunter 20 Forschungsinstitutionen aus ganz Deutschland.
  • Insgesamt haben 23 Verbundprojekte Förderanträge gestellt.
  • In jedem Verbundprojekt arbeitet jeweils ein Forschungspartner mit zwei bis vier Praxispartnern aus der Region für zwei bis drei Jahre zusammen.
  • Gemeinsam haben wir 12,45 Millionen Euro aus dem Förderprogramm „WIR!-Wandel durch Innovation in der Region“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt akquiriert. Viel Geld für die „strukturschwachen“ Regionen Ludwigslust-Parchim (Mecklenburg-Vorpommern), Prignitz (Brandenburg), Stendal (Sachsen-Anhalt) und Lüchow-Dannenberg.

Wie funktioniert Regionalentwicklung im Netzwerk?

Wir wollen (fast) alles anders machen als in der klassischen Regionalentwicklung. Wir denken nicht zentralisiert in Ober-, Mittel- und Grundzentren, sondern strikt dezentral vom peripheren Flächen-Netzwerk aus. Die Basis sind die aktiven Menschen, die im Netzwerk die wichtigen „Schaltstellen“ und Knotenpunkte bilden und schnell weitere Akteure anziehen. Ihre innovativen Ideen wirken wie Magneten und Kraftzentren, sie reißen mit ihrer Energie und ihrem Enthusiasmus andere Menschen mit. Netzwerkstrukturen bilden untereinander vielfältige Beziehungen, sind nicht starr hierarchisch gebaut, sondern heterarchisch – flexibel, selbstgesteuert und gleichberechtigt. Das macht die Kooperation im Netzwerk gerade in Krisenzeiten besonders resilient und stabil.

WIR!-Bündnis Elbe Valley

Innerhalb des WIR!-Bündnisses wollen wir Projekte aus Forschung und Praxis fördern, die zukunftsfähige Ansätze für neue Arbeit, neue Wege (Mobilität) und neues Wohnen in den Blick nehmen und umsetzen.

Was sind eure Themenschwerpunkte?

Die Ideen unserer Innovator:innen haben wir in einem intensiven mehrjährigen Beteiligungsprozess gesammelt, in drei Themenfelder geclustert und in Teilprojekte „zusammengeschnürt“. Die Themenfelder sind gleichzeitig die (unserer Meinung nach) wichtigsten Herausforderungen im ländlichen Raum: Neue Arbeit, Neue Wege, Neues Wohnen.

Neue Arbeit bezeichnet nicht nur den allgegenwärtigen Fach- und Arbeitskräftemangel, sondern regt neue Arbeitskulturen in traditionellen Branchen an. So wollen wir im Teilprojekt „Region als Werkstatt“ junge Menschen ins Handwerk bringen. Die Gen Z begeistert sich wieder für das kreative, physische Schaffen mit Hand & Herz – weniger aber für die herkömmlichen Arbeitskulturen im Handwerk. Bauen und Gärtnern wird bei uns als Gemeinschaftswerk aller Schaffenden verstanden, bei dem jede und jeder eigene Ideen einbringt. So wird im Rahmen des Projektes ein Earth Ship im ehemaligen botanischen Garten von „Wir bauen Zukunft“ in Nieklitz gemeinschaftlich gebaut.

Das Themenfeld Neue Wege erschließt neue Mobilitätsformen im ländlichen Raum. Die Gretchenfrage für zukunftsfähige Mobilität lautet: Wie kommen wir ohne Auto von A nach B? Aktuell echt eine Mega-Herausforderung; Gäste aus Metropolen staunen regelmäßig über die findigen Ansätze von Shuttle-Services, Rufbussen und nachbarschaftlichem Carsharing. Das Teilprojekt „Mobiles Elbe Valley“ sondiert gerade in Beteiligungsworkshops die Optionen für landkreisübergreifende On-Demand-Verkehre und autonomes Fahren. Die Digitalisierung ermöglicht flexible Routen und Nutzungen – inklusive der Kopplung von Lieferservices und ÖPNV.

Im Themenfeld Neues Wohnen steht das Verbundprojekt Wohnenplus² für die Formel Wohnen + gemeinschaftliche Formen des Zusammenlebens + Angebote der örtlichen Daseinsvorsorge. Daseinsvorsorge ist hier umfassend gemeint: Es geht nicht nur um infrastrukturelle Angebote wie den Dorfladen, sondern um das “gute Leben auf dem Land”. Im Projekt werden Prototypen für sozialverträgliches Wohnen im Bestand und für Soziale Dorfzentren entwickelt. Alle sind sich einig, dass dies am besten durch die enge Zusammenarbeit von engagierten Bürger:innen, Kommunen, Unternehmen, Vereinen und Einzelpersonen erreicht werden kann.

Sechs Menschen auf einer Wiese vor Wasser
© Fotografenherz

Wie geht ihr mit fehlenden Strukturen um?

Da es in unserer Region (fast) keine Forschungseinrichtungen gibt, haben wir kurzerhand selbst gegründet. Das PROwins unabhängiges Institut für praxisorientierte Wissenschaft und Transformation Wendland e.V. vernetzt Hochschulen, zivilgesellschaftliche Akteure und regionale Partnerinnen und Partner, um transformative Forschungsvorhaben sichtbar zu machen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Das PROwins Institut e. V. vermittelt Studierende an regionale Unternehmen und führt eigene Formate wie zum Beispiel Innovationscamps, regionale Konferenzen und Transferwerkstätten durch. Zudem forscht es im Rahmen des eigenen Vorhabens “Wirkungsforschung im Elbe Valley” an im ländlichen Raum relevanten Themen wie der Frage, was von Forschungsvorhaben bleibt, wenn der Bericht abgegeben wurde und die beteiligten Forschungspartner kein Geld mehr erhalten. Im PROwins Institut e. V. arbeiten Forschende, Regionalentwickler:innen und zivilgesellschaftliche Akteure zusammen. Geleitet wird das Institut von Daniela Weinand, die auch Mitinitiatorin des Elbe Valleys ist.

Die Elbe Valley Agentur gGmbH berät innovative Menschen und Organisationen in der Projektentwicklung und Fördermittelakquise. Wir vernetzen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft, um den ländlichen Raum co-kreativ und resilient zu gestalten. Unsere Mission: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wir befähigen lokale Macher:innen durch niedrigschwelliges Wissen, Methodenkompetenz und Netzwerke, ihre Ideen für Daseinsvorsorge und Gemeinschaft erfolgreich umzusetzen – damit gute Projekte nicht an Hürden scheitern.

Was wünscht ihr euch für eure Arbeit?

Die Hürden in der aktuellen Förderlandschaft sind sehr hoch, besonders in Forschungsprojekten. Wie können hochmotivierte innovative Start-ups und gemeinwohlorientierte Unternehmen und Initiativen an Startkapital kommen, vor allem im ländlichen Raum? Die Antragstellung im WIR!-Programm des Bundesforschungsministeriums ist langwierig. Hier wären schnellere Entscheidungsprozesse und Bereitstellung von Risikokapital wünschenswert. So sehr wir verstehen, dass Steuermittel nicht verschwendet werden sollten – Innovation beschreitet unbekannte Wege, sie kann und darf auch scheitern! Einige unserer Teilprojekte warten bis zu zwei Jahre auf die Finanzierung – das ist zu lang, um kompetente Fachkräfte und motivierte Innovator:innen bei der Stange zu halten. In zahlreichen Workshops wünschten sich die Akteure unbürokratische Förderung für Kleinprojekte, um schnell in die Umsetzung zu kommen.

Was sind eure Herausforderungen und Ziele?

Im WIR!-Programm des Bundesforschungsministeriums stehen meist technologische Innovationen im Vordergrund. Unser Ansatz, im Elbe Valley ein vielfältiges, ineinandergreifendes Ökosystem von Sozialen Innovationen aufzubauen, ist für Risikokapitalgeber:innen immer noch exotisch und erklärungsbedürftig.

Für die zweite Umsetzungsphase bis 2028 haben wir uns daher vorgenommen, eine Kommunikationsoffensive auf mehreren Ebenen zu starten. Für Bürger:innen in der Region zeigen wir, wie engagierte Menschen durch Soziale Innovationen die Grundversorgung und die Erreichbarkeit im ländlichen Raum stärken und sinnstiftende Arbeit schaffen. Für die Wirtschaft zeigen wir, wie neue Arbeitskulturen den Fachkräftemangel lösen helfen. Studierende können in Reallaboren das „gute Leben“ auf dem Lande selbst mitgestalten. Und der Politik zeigen wir, dass „strukturschwache“ Regionen voller Potenziale und Ideen stecken, die bislang übersehen werden.

Was bedeutet Kooperation für euch konkret?

Unsere Zukunftsvision für 2028 ist, dass aus den vielen Teilprojekten im Vierländereck an der Elbe ein gemeinsames Bündnis entsteht, das unsere Ziele einer regenerativen Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam zum Fliegen bringt. Dafür wollen wir gemeinschaftlich eine Elbe Valley Charta entwickeln, die unsere Werte und Ziele beschreibt und die von allen mitgetragen wird. Unsere Mission ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe aller Teile! In einem moderierten Community-Building-Prozess wird kollegiale Beratung und Wissensaustausch niedrigschwellig online oder in Zukunftsfesten in der Region praktiziert. Alle 23 Elbe Valley Teilprojekte können voneinander lernen – und in einem Ideenwettbewerb 2027 werden neue Projekte eingeladen, ihre Ideen gemeinsam zu entwickeln.

Wichtig für die Kooperation im Netzwerk ist, dass jede und jeder etwas hineingibt, Wissen und Strategien geteilt werden und die Erkenntnis wächst, dass Kooperation langfristig erfolgreicher ist als Konkurrenz – gerade wenn die Ressourcen begrenzt sind. Denn gerade „strukturschwache“ Regionen bieten Freiräume und Potenziale für eigene Gestaltung.