GdI-Interviews: VR gegen Rückenschmerzen – „Soziale Innovationen schaffen Lösungen, wo herkömmliche Ansätze nicht mehr ausreichen“

Interview mit Yevgeniya Nedilko (ReliefVR) von Katja Armbruckner (u-institut, Gesellschaft der Ideen)

ReliefVR

ReliefVR ist eine Virtual Reality-Anwendung, die bei chronischen
Rückenschmerzen hilft. Die Anwendung eröffnet durch moderne VR-Technologie neue
Wege in der Schmerztherapie und hilft erfolgreich bei der Behandlung
chronischer Rückenschmerzen. Durch die Kombination aus VR-basierten
Körperillusionen, gezielten Bewegungsübungen und Gamification schafft ReliefVR
Linderung und zugleich eine spannende Therapieerfahrung.
ReliefVR beendet im September seine Praxisphase bei
“Gesellschaft der Ideen” und wir haben die Gelegenheit genutzt, mit
Yevgeniya die letzten fünf Jahre Revue passieren zu lassen.

Katja Armbruckner (Begleitung GdI):
Wenn du zurückblickst auf die Zeit, seit ihr als Projekt für GdI ausgewählt wurdet, und seitdem ihr das Programm mitgemacht habt, auf welche Meilensteine bist du bei ReliefVR besonders stolz?

Yevgeniya:
Ich bin besonders stolz darauf, ein starkes Team aufgebaut zu haben. Die Kooperation mit der Universitätsklinik und der Universität Würzburg war dabei von großem Wert – gemeinsam konnten wir viel erreichen: Wir konnten ein wissenschaftliches Konzept zur Linderung chronischer Rückenschmerzen mit Hilfe von VR-Technologie entwickeln, darauf aufbauend einen Prototypen erstellen und in einer ersten klinischen Studie vielversprechende Erkenntnisse zur Wirksamkeit sammeln. Diese Ergebnisse dienen als Grundlage für die Entwicklung einer Software, die Patient*innen künftig auch als Heimanwendung zur Verfügung stehen soll.

Aktuell verfügen wir über ein MVP (Minimum Viable Product), das wir zur Marktvalidierung einsetzen. Vor dem Markteintritt gilt es jedoch noch, regulatorische Anforderungen zu erfüllen und weitere klinische Studien mit Kontrollgruppen durchzuführen.

Katja:
Das klingt nach einem sehr spannenden und effektiven Weg, den ihr in den letzten fünf Jahren gegangen seid. Auf welche Herausforderungen sind du und dein Team gestoßen, mit denen ihr so nicht gerechnet habt?

Yevgeniya:
Zu den größten Herausforderungen, die uns anfangs nicht bewusst waren, zählten die bürokratischen Abläufe. Der damit verbundene Aufwand war beträchtlich: Viel Zeit und Energie flossen in das korrekte Ausfüllen von Formularen sowie in das Warten auf Rückmeldungen. Es war wichtig, sich mit diesen Prozessen erst einmal vertraut zu machen, dadurch hat sich die Situation in der Praxisphase auch deutlich verbessert. Geholfen hat dabei auch der Zugang zu kompetenten Ansprechpartner*innen.

Eine der größten Herausforderungen in Hinblick auf ReliefVR stellt außerdem die Regulatorik für Medizinprodukte dar. Wir hatten das Ausmaß der erforderlichen Unterlagen sowie den damit verbundenen Zeit-, Kosten- und Arbeitsaufwand zur Erfüllung der regulatorischen Anforderungen massiv unterschätzt. Wahrscheinlich werden die Produktentwicklung und Markteinführung insgesamt weniger Ressourcen beanspruchen als die Umsetzung der regulatorischen Vorschriften für unser Produkt.

Katja:
Was hat dir dabei geholfen, mit dieser Herausforderung umzugehen?

Yevgeniya:
Durchhaltevermögen ist ein gutes Rezept zur Bewältigung von jeglichen Herausforderungen. Zudem sind wir unseren GDI-Coaches, die uns in schwierigen Phasen unterstützt und motiviert haben, außerordentlich dankbar – ihre Begleitung war in diesen Momenten von großer Bedeutung.

Katja:
Du bist mit einer Idee in das GDI-Programm gestartet. Verstehst du dich mittlerweile als Unternehmerin?

Yevgeniya:
Definitiv – ich fühle mich sehr wohl in dieser Rolle. Gleichzeitig ist Unternehmer*innentum mit vielen Unsicherheiten verbunden und erfordert manchmal auch unpopuläre Entscheidungen. Es ist nicht immer einfach, aber genau dadurch wächst man ständig über sich hinaus.

Katja:
Wo befindet ihr euch gerade und was sind die nächsten Schritte bei ReliefVR?

Yevgeniya:
Wir befinden uns auf einem guten Weg. Der nächste große Schritt ist die Sicherstellung der Finanzierung, um die Zertifizierung unseres Produkts als Medizinprodukt zu erlangen. Erst nach erfolgreicher Zertifizierung dürfen wir den Markteintritt realisieren.
Zu den zentralen Meilensteinen auf diesem Weg zählen die Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems, die Durchführung einer klinischen Studie mit rund 200 Patient*innen mit chronischen Rückenschmerzen sowie die erfolgreiche Zusammenarbeit mit einer zertifizierenden Behörde (Gebühren von ca. 50.000 €).

Katja:
Warum sind Soziale Innovationen deiner Meinung nach wichtig und wie kann es gelingen, mehr gute Ideen zu verwirklichen und dauerhaft zu etablieren?

Yevgeniya:
Soziale Innovationen sind wichtig, weil sie dort Lösungen schaffen, wo herkömmliche Ansätze nicht mehr ausreichen. Sie machen das Leben von Menschen konkret besser. Damit gute Ideen nicht nur entstehen, sondern auch bleiben, braucht es Mut zum Ausprobieren, Unterstützung durch passende Rahmenbedingungen und Menschen, die sich vernetzen und gemeinsam anpacken. Nur so können Ideen wachsen und wirklich etwas verändern.