Sprechen und Zuhören: Demokratie beginnt in der konkreten Beziehung

Wenn Zuhören Menschen wieder zusammenbringt

Die Spaltung unserer Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen. Dabei ist es gerade in Demokratien wichtig, dass wir im Gespräch bleiben, auch wenn wir völlig unterschiedliche Meinungen vertreten. Das Format Sprechen & Zuhören baut Brücken zwischen Menschen und sieht Konflikte als Chance, um zwischenmenschliche Beziehungen zu vertiefen. In diesem Blogbeitrag gibt uns Kai Schächtele, Team-Mitglied von Sprechen & Zuhören, einen persönlichen Einblick, wie aus Skepsis Verbundenheit wurde.

 

An einem Abend im Februar habe ich, Kai Schächtele, erlebt, wie es gelingen kann, zu etwas so Abstraktem wie „Demokratie“ etwas Konkretes beizutragen: indem man im richtigen Momenten den Mund hält.

Ich war Teil von Sprechen & Zuhören. Das Gesprächsformat ist bei Mehr Demokratie e.V. entstanden. Der Verein setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass Menschen auf allen politischen Ebenen mitbestimmen können. Sprechen & Zuhören bringt Menschen mit unterschiedlichen Ansichten ins Gespräch. Online treffen sie sich an jedem ersten Mittwoch im Monat.

In meinem Raum saßen eine Stadtpolitikerin aus Süddeutschland, ein Künstler mit niederländischen Wurzeln und ein Mann aus Brandenburg, der aus seinem Wohnmobil auf Teneriffa teilnahm. Wir sprachen über die Frage: „Wie geht’s mir mit der Polarisierung?“

In der ersten Runde kam vieles zur Sprache, was gerade auch am Küchentisch, in der Kneipe oder auf Social Media diskutiert wird. Die Stadtpolitikerin sagte: „Ich bin bei den Grünen, weil mir Klimaschutz und Gerechtigkeit wichtig sind. Aus meiner Fraktion bin ich ausgetreten, nachdem man mir gesagt hatte, dass wir mit niemandem aus der AfD sprechen sollen.“ Der Künstler sagte: „Ich bin hier, um etwas mal offen auszusprechen: Ihr Deutschen geht mir auf die Nerven. Wenn ich über Frieden spreche, bin ich Schwurbler. Wenn ich die israelische Regierung kritisiere, Antisemit.“

Der Mann aus Brandenburg sagte: „Die Altparteien sind nicht mehr unterscheidbar. Während der Pandemie habe ich erlebt, wie jede abweichende Meinung als demokratiefeindlich abgewertet wurde. So geht’s mir bis heute. Und ich sagte: „Mir macht Angst, wie viele Menschen jeden Tag nur noch versuchen, möglichst viel Zuspruch für ihre eigene einseitige Position zu erhalten.“

Am Ende der Runde flüsterte eine Stimme in mir: „Welchen Sinn hat es, jetzt weiterzureden? Ist doch eh klar, wohin das Gespräch läuft.“ Eine andere erwiderte: „Wart doch mal ab. Genau deshalb sind wir doch hier.“ Ich blieb.
Am Ende der dritten Runde wusste ich, warum.

Ein fester Rahmen fürs Zuhören

Sprechen & Zuhören gibt jedem Gespräch einen klaren Rahmen. Die Gespräche finden in zufällig zusammengesetzten Dreier- oder Vierergruppen statt. Jede Person spricht in drei Runden jeweils vier Minuten. Die anderen hören zu und kommentieren das Gesagte nicht. Ausgangspunkt ist die eigene Erfahrung: Was habe ich erlebt? Was bewegt mich? Gefühle müssen nicht  benannt werden. Oft werden sie trotzdem spürbar.

Die Idee entstand während der Corona-Pandemie. Die Schutzmaßnahmen lösten auch bei Mehr Demokratie kontroverse Debatten aus. Oft warfen wir einander vor: „Du verstehst nicht, dass die Krankenhäuser überlastet sind“ oder „Du hältst dich an Zahlen fest, die man auch anders interpretieren kann“. Wir suchten nach Sätzen, die von der eigenen Erfahrung ausgehen: „Ich habe Angst, andere anzustecken.“ Oder: „Ich möchte kritisieren dürfen, ohne als Corona-Leugnerin abgestempelt zu werden.“

Der Wechsel hilft, über das eigene Erleben zu sprechen und die andere Person besser zu verstehen. Diese kleine Änderung war der Wendepunkt. Plötzlich wurden Verbindungen möglich, wo vorher Ablehnung war. Menschen konnten sprechen, wo vorher Schweigen war. Und dann sagte jemand: Wollen wir das auch mal außerhalb von Mehr Demokratie versuchen?

Die Pandemie liegt einige Jahre zurück. Für mich markiert sie den Beginn einer Zeit, in der sich viele Menschen in Lager einsortierten. Auch ich fällte damals schnell harte Urteile und wertete andere ab. Wenn ich mich nicht gehört fühle, kenne ich selbst den Impuls, meine eigene Sicht nach vorn zu stellen. Bei Sprechen & Zuhören übe ich, erst einmal nach den Erfahrungen hinter einer Haltung zu fragen. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt das „mit dem Du-Ohr hören“.

Was sich in meiner Runde veränderte

In der zweiten Runde wurde das gegenseitige Verständnis stärker. Die Stadtpolitikerin erzählte, warum ihr Klimaschutz und gerechte Lebensverhältnisse so sehr am Herzen liegen. Der Künstler sprach darüber, wie er mit seiner Arbeit Menschen zu einem anderen Blick auf Gesellschaft und sich selbst anregen will. Der Mann aus Brandenburg sehnte sich nach einer Politik, die seine Bedürfnisse sieht. Die AfD sei wahrscheinlich nicht die Lösung seiner Probleme, sagte er. Doch sie sei attraktiv, weil sie noch nie regiert habe. Und ich sagte, dass ich verstehen könne, wie zermürbend es ist, wenn vor allem Stimmen Gehör finden, die ihre eigenen Vorteile im Blick haben.

Wir erzählten einander, welche Erfahrungen unsere Sicht geprägt hatten. Es war, als stünden wir gemeinsam auf einem Hügel und blickten auf den Streit unter uns. Wir hatten unsere Ansichten nicht aufgegeben. Aber wir verstanden besser, wie die anderen zu ihnen gekommen waren. Das ist für mich eines der Geheimnisse dieses Formats: Das Ziel ist nicht widerspruchsfreies Zuhören. Sondern unterbrechungsfreies Zuhören. Das hilft, die eigene Position zu festigen. Andere können davon abweichen. Aber eben ohne Hass und verbale Abwertung.

Mehr als 900 solcher Gesprächsrunden haben seit seiner Entstehung stattgefunden. Über 15.000 Menschen haben teilgenommen. In Fortbildungen haben mehr als 1.800 Menschen gelernt, selbst Sprechen & Zuhören zu organisieren. Die Moderatorinnen und Moderatoren hören oft, dass die Teilnehmenden mit jeder Runde gelöster werden.

Eine Teilnehmerin sagte: „Es tut so gut, sich mit Menschen außerhalb der eigenen Bubble zu unterhalten und in tieferen Kontakt zu kommen.“ Auf der Stellwand einer anderen Runde stand: „Gemeinsam haben wir dann doch mehr gesagt als allein.“

Solche Rückmeldungen passen zu den Wirkungen, die Forschung zum Zuhören beschreibt. Aufmerksames Zuhören kann Anspannung und Abwehr senken. Es kann Selbstreflexion anstoßen und Vertrauen stärken. Auch der Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen kann dadurch leichter werden. Und am Ende wollen Menschen meist etwas tun.

Sprechen und Zuhören: Wie geht das? 2024 organisierte das Projekt pilothafte Dialogveranstaltungen in Brandenburg.

Gespräche über Heimat

Sprechen & Zuhören gibt es inzwischen in Kirchengemeinden, Bibliotheken, Kommunen und Schulen. Ab 2027 können auch Unternehmen das Format nutzen. Im Oktober haben wir gemeinsam mit der Initiative Offene Gesellschaft die nächste Entwicklungsstufe des Formats gestartet. Unter dem Titel „Das Große Gespräch“ finden in ganz Deutschland finden rund hundert Gesprächsrunden zu einer Frage statt: „Was bedeutet Heimat für mich, für uns, für Deutschland? Was macht aus einem Land ein Zuhause?“ Stimmen die Teilnehmenden zu, werden die Gespräche anonymisiert gesammelt, von einer KI ausgewertet und in einer gemeinsamen Gesprächslandkarte festgehalten.

So entsteht eine Art Atlas der unterschiedlichen Sichtweisen. Die ersten Gespräche haben bereits stattgefunden. Was bei uns aus den Auswertungen ankommt: Mehrere berichteten, dass die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland ihr Verhältnis zur Heimat verändert – bis hin zu Überlegungen, das Land zu verlassen, wenn sich die Lage weiter verschlechtert. Und: Menschen beschreiben Heimat als ein Gefühl von Geborgenheit, Angekommen-Sein und Gesehen-Werden, das nicht an einen festen Ort gebunden ist – und das deshalb auch fragil sein kann, wenn Orte sich verändern oder verloren gehen.

Abschlussveranstaltung: „Das Große Gespräch: Heimat“

Die Auswertung des Stimmungsbildes findet am 17. November 2026 bei einer öffentlichen Online-Veranstaltung statt.

Jetzt anmelden und dabei sein!

Auch meine Runde im Februar endete mit einem solchen Moment von Verbindung und Verständigung über Positionen, die zu Beginn so weit auseinander lagen. Es entwickelte sich ein Austausch dazu, worin unsere gemeinsamen Werte und wo unser verbindendes Leiden liegt. Wir sprachen über die Ursachen von sozialer Ungleichheit, die aus unserer Sicht ungerechte Verteilung von Vermögen und Lebenschancen und über die Beobachtung, dass im Moment viele Gruppen und Interessen gegeneinander ausgespielt werden.

Am Ende sagte der Mann im Wohnmobil: „Ich hatte schon lang nicht mehr das Gefühl, dass ich meine Bedenken aussprechen kann, ohne sofort abgeurteilt zu werden.“ Und die Frau aus Süddeutschland erwiderte: „Dieses Gespräch macht mir wieder Hoffnung, dass Verständigung wirklich möglich ist.“

Im Jahr 1923 beschrieb der österreichisch-israelische Religionsphilosoph Martin Buber im „dialogischen Prinzip“ die Grundlagen gelingender Beziehungen. Der erste Satz darin lautet: „Die Beziehung zum Du ist unmittelbar.“ Aus diesem Gedanken leitet sich für mich ab, warum ich so überzeugt bin von der Bedeutung von Sprechen & Zuhören: Jede Gemeinschaft beginnt in der konkreten Beziehung zwischen Menschen. Gehen diese Beziehungen dauerhaft verloren, verliert die Demokratie ihren Halt. Sprechen & Zuhören trägt dazu bei, diesen Halt wiederherzustellen und zu festigen.

Kai Schächtele, Berlin 2025

Autor: Kai Schächtele

Kai Schächtele ist Journalist und Berater für politische Kommunikation und gehört zum Team von Sprechen & Zuhören.