Interview mit Felix Oldenburg von bcause

Felix Oldenburg ist Mitgründer der Plattform für Social Finance bcause, Autor von Der gefesselte Wohlstand und des größten privaten Newsletters im gemeinnützigen Sektor sowie Vorstand der gemeinnützigen Aktiengesellschaft gut.org.

Was ist die Mission von bcause?

In Deutschland liegen über acht Billionen Euro an liquidem Privatvermögen. Wir sind reicher als je zuvor. Gleichzeitig hören wir, für Bildung, Klima oder Armut sei kein Geld da. Das passt nicht zusammen.

bcause macht das Geben so einfach wie Online-Banking. Auf der Plattform hat jeder ein eigenes Stiftungskonto und kann spenden, stiften, wirkungsorientiert investieren und Geld einsammeln, mit kleinen wie mit großen Summen. Unsere Mission ist, dass am Ende viel mehr privates Geld bei den Lösungen ankommt und nicht in Strukturen liegen bleibt, die es nur verwalten. Everyone a philanthropist!

Zu bcause

bcause macht Geben einfach: Ihr bündelt euer Engagement als persönliche Initiative, für euer Unternehmen oder als dauerhafte digitale Stiftung.

Über bcause ist neuerdings auch Fundraising möglich. Was verbindet Spenden, Stiften und Impact Investing?

Fundraising heißt bei bcause: Eine Organisation bekommt ein kostenloses Spendenkonto und die Werkzeuge gleich dazu, anpassbare Spendenformulare für die Website, Direkt-Links für Social Media, QR-Codes für den Spendenbrief. Spenden per Überweisung sind gebührenfrei, die Quittungen verschickt bcause automatisch und rechtssicher.

Zwei Beispiele:

  1. Eine junge Initiative ohne Freistellungsbescheid kann schon während der Gründung sammeln, und bekommt das Geld ausgezahlt, sobald die Gemeinnützigkeit anerkannt ist.
  2. Eine Förderstiftung nutzt bcause als digitales Frontend und spart sich die eigene Verwaltung.

Dazu ein oft übersehener Punkt: Liegt Geld auf dem Konto, wird es mit positivem Impact angelegt und verzinst statt unverzinst zu liegen oder unwissentlich mit einer konventionellen Geldanlage gegen die eigenen gesellschaftlichen Ziele zu wirken. Mit bcause haben wir eine neue Infrastruktur für das Einwerben, Poolen, Investieren und Verteilen gemeinnütziger Mittel geschaffen.

Was unterscheidet Impact Investing von klassischer Philanthropie?

Der Unterschied liegt im Rückfluss. Eine Spende gibt Geld weg und bekommt Wirkung zurück, kein Kapital. Wirkungsorientiertes Investment stellt Kapital bereit, erwartet es zurück, oft mit Rendite, und verlangt zusätzlich eine gemessene Wirkung.

Bei bcause gehört beides zusammen. Wer Geld auf sein Stiftungskonto gibt, kann es wachsen lassen: Mit bcause grow wird das Guthaben verzinst, mit Impact und Investment fließt es in wirkungsorientierte Anlagen. Die Erträge landen wieder auf dem Konto und stehen erneut zum Spenden bereit. Kein eigener Vertrag, keine Gebühr, keine Mindestsumme. Aus einem gespendeten Euro kann über die Jahre mehr als ein Euro Wirkung werden. Philanthropie und Impact Investing liegen dann nicht mehr auf getrennten Konten. Sie wirken zusammen.

Zusammen mit Phineo habt ihr den Spendenfonds „Starke Demokratie” erschaffen. Mit welcher Intention?

Das Vertrauen in Institutionen sinkt, und die Zivilgesellschaft steht unter Druck von drei Seiten: Diffamierung, Definanzierung, Delegalisierung. Organisationen, die für offene Debatte, Teilhabe und Rechtsstaat arbeiten, verlieren Förderung genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.

Mit PHINEO haben wir deshalb einen Spendenfonds aufgelegt, der Geld dorthin lenkt, wo es demokratische Substanz stärkt, geprüft und gebündelt. Die Intention ist einfach. Viele Vermögende sehen die Gefahr und wollen etwas tun, wissen aber nicht, an wen. PHINEO bringt die Wirkungsanalyse, bcause die Infrastruktur zum Geben. Ein Fonds nimmt dem Einzelnen die schwierigste Frage ab, die Auswahl. Schon vier Wochen nach dem Start sind mehrere Hunderttausend Euro zugesagt.

Welche Rolle spielen privates Kapital und die Zivilgesellschaft bei der gesellschaftlichen Transformation?

Der Staat kann nicht alles, und er soll auch nicht alles. Regierungen denken in Wahlperioden und gehen selten die langen, unsicheren Wetten ein, die echte Durchbrüche brauchen, von der Grundlagenforschung bis zum Schutz von Gruppen, die manchmal vor dem Staat geschützt werden müssen.

Privates Kapital kann geduldig sein, riskieren, vorangehen. Die Zivilgesellschaft ist der Ort, an dem ausprobiert wird, was noch keine Mehrheit hat. Wir brauchen drei Kräfte nebeneinander: öffentlich, privat, philanthropisch.

In Deutschland ist die mittlere davon unterentwickelt, weil das meiste Vermögen geerbt und auf Bewahren programmiert ist. Genau da liegt der größte ungenutzte Hebel für Veränderung.

© Precondo, Unsplash

Welche Strukturen und Interessen verhindern eine systemische Veränderung der deutschen Wirtschaft?

Folgt dem Geld, dann findet ihr eine Antwort! Um große Vermögen herum ist eine ganze Industrie gewachsen, deren Geschäft das Bewahren ist: Banken, Steuerberater, Family Offices. Sie werden dafür bezahlt, Kapital zu schützen und zu vermehren, nicht dafür, es in Wirkung zu übersetzen.

Dazu kommt ein emotionales Dogma in vielen Vermögensfamilien, wonach man sein Geld nur treuhänderisch für die nächste Generation hält. Und schließlich die Rechtsformen selbst, Stiftungen und stiftungsähnliche Vehikel, die ursprünglich Schätze vor Willkür schützen sollten und heute oft Vermögen unantastbar machen.

In Deutschland gibt es über 25.000 Stiftungen mit geschätzt 100 bis 200 Milliarden Euro Vermögen, die im Schnitt nur rund ein Prozent im Jahr wirklich an Förderungen ausschütten.

Wie stehst du zu Initiativen wie Taxmenow und Finanzwende e.V.?

Mit Sympathie und einem Einwand. Taxmenow und Finanzwende zeigen etwas Wichtiges: Es sind Vermögende selbst, die sagen, so wie es ist, kann es nicht bleiben. Ich teile den Ausgangspunkt. Ein gerechtes Steuersystem sollte Arbeit nicht höher belasten als große, leistungslose Erbschaften. Der Einwand ist praktisch. Höhere Vermögensteuern brauchen internationale Abstimmung, die weit weg ist, und sie erreichen genau das Kapital nicht, das längst in rechtlichen Festungen liegt. Steuern und freiwilliges Geben sind für mich keine Gegner.

Wer nur auf den Staat wartet, wartet oft vergeblich, gerade in Zeiten wachsenden Populismus. Wir brauchen beides, und wir brauchen es jetzt.

8. Was braucht es, um Impact Investing auf dem Kapitalmarkt zu erhöhen?

Der deutsche Impact-Investing-Markt ist klein. Selbstdeklariert waren es zuletzt rund 38,9 Milliarden Euro, streng gemessen bleibt davon nur ein Bruchteil, und im weltweiten Vergleich ist das unter ein Prozent.

Drei Dinge würden das ändern.

  1. Klare Definitionen und geprüfte Wirkungsmessung, damit Impact nicht zum Etikett verkommt.
  2. Öffentliches Ankerkapital, etwa über die KfW, das privates Geld in kleinere Fonds zieht, Blended Finance statt Ersatzfinanzierung.
  3. Regeln, die mitspielen, von einer brauchbaren Impact-Definition in der europäischen Offenlegung bis zu niedrigeren Eigenkapitalanforderungen für institutionelle Investoren. Der German Impact Investing Survey 2025 sagt im Kern dasselbe. Der Markt reift. Nur nicht schnell genug..

Systemic Investing & Verantwortungseigentum

Im Blogpost von Karma Capital erfahrt ihr, wie das weitergedachte Impact Investing und Verantwortungseigentum die Transformation zu einer regenerativen Wirtschaft ermöglichen kann.

Wo siehst du in Europa gute Beispiele, um mehr Geld in Lösungen zu investieren?

Großbritannien ist das klarste Beispiel. Aus dem Gesetz über nachrichtenlose Konten von 2008 entstand Better Society Capital, gespeist mit 400 Millionen Pfund aus vergessenen Konten und 200 Millionen von Banken. Daraus wurde ein ganzer Markt für Sozialinvestitionen, inzwischen mehrere Milliarden Pfund.

Genau das fehlt in Deutschland. Auf nachrichtenlosen Konten liegen hier je nach Schätzung zwischen zwei und neun Milliarden Euro, die nach Jahren stillschweigend in die Bilanzen der Banken wandern. Als einziges G7-Land haben wir dafür keine Regelung.

Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland schlägt seit Jahren einen Social Impact Fonds aus diesen Mitteln vor. Das wäre echtes zusätzliches Kapital für Lösungen, ohne einen Cent neuer Steuern. Auch die FASE zeigt die Richtung, sie will bis 2035 eine Milliarde Euro wirkungsorientiertes Kapital mobilisieren.

Welche Rahmenbedingungen würdest du auf politischer und rechtlicher Ebene in Deutschland verändern?

Vier Hebel:

  1. Eine Mindestausschüttung für fördernde Stiftungen, wie sie die USA mit ihren fünf Prozent kennen. Wer steuerfrei Vermögen bündelt, soll einen spürbaren Teil davon jedes Jahr wirken lassen.
  2. Transparenz, ein öffentlich einsehbares Stiftungsregister mit echten Finanzzahlen. Heute weiß niemand genau, was aus den Vermögen herauskommt.
  3. Die neue Gesellschaft mit gebundenem Vermögen zügig und praxistauglich machen, damit Unternehmer ihr Werk an einen Zweck binden können, ohne Umwege.
  4. Das Geben so leicht machen, wie das Erben schwer ist, digital, sofort abzugsfähig, ohne Notar für den ersten Schritt. Es gibt ein Zeitfenster von wenigen Jahren.

Porträt von Constanze Heber

Das Interview führte Constanze Heber – Kommunikation & Community bei der SIGU-Plattform

Mein Tipp: Wer mehr zu Vermögensungleichheit und Steuergerechtigkeit lesen möchte, dem empfehle ich die Bücher Der gefesselte Wohlstand von Felix Oldenburg und Toxisch Reich von Sebastian Klein.