Systemic Investing und Verantwortungseigentum bei Karma Capital

Das meiste Geld fließt noch immer in Geschäftsmodelle, die Krisen verstärken, statt sie zu lösen. Wie kann Kapital endlich zu einer positiven Kraft werden und die Transformation zu einer regenerativen Wirtschaft ermöglichen?

Geld ist nicht neutral.

Es beeinflusst, welche Unternehmen entstehen, wachsen und wieder verschwinden. Es formt damit unsere Gesellschaft entscheidend mit. Heutzutage hält es vor allem ein profitmaximierendes System von Unternehmen am Laufen, die zwar viel finanzielle Rendite abwerfen, aber soziale und ökologische Kosten konsequent auslagern – an die Allgemeinheit, an die Umwelt, an kommende Generationen. Mit unserer Arbeit bei Karma Capital wollen wir zeigen, dass es auch anders geht.

 

Venture Capital als strukturelles Problem

Dass so viel Kapital in sozial- und umweltschädliche Geschäftsmodelle fließt, liegt an der Funktionsweise unserer Kapitalmärkte. Investiert wird dort vor allem nach Renditeerwartung, nicht nach gesellschaftlichem Nutzen, und ausgerechnet die problematischsten Geschäftsmodelle versprechen häufig die höchsten Renditen.

Am deutlichsten zeigt sich diese Logik beim klassischen Venture Capital (Wagniskapital): Es lebt von Exit-Druck und Hyperwachstum, also von der Aussicht, Anteile irgendwann möglichst gewinnbringend weiterzuverkaufen. Selbst Unternehmen, die mit einer positiven Mission starten, entfernen sich unter diesem Druck oft von ihrem ursprünglichen Zweck.

Verantwortungseigentum als Teil der Lösung

Es gibt jedoch ein Eigentumsmodell, das diesen Mechanismus an der Wurzel verändert: Verantwortungseigentum. Es beruht auf zwei einfachen Prinzipien, die die Ausrichtung eines Unternehmens dauerhaft absichern:

  1. Gewinne dienen dem Unternehmenszweck. Sie bleiben im Unternehmen und werden im Sinne seiner Mission reinvestiert, statt an externe Investor:innen abzufließen.
  2. Die Kontrolle bleibt bei den Menschen, die das Unternehmen führen und mit seiner Mission verbunden sind. Stimm- und Gewinnrechte werden getrennt.

In Deutschland arbeiten bereits über 250 Unternehmen in Verantwortungseigentum, mit einem gemeinsamen Jahresumsatz von mehr als 270 Milliarden Euro. Bosch gehört seit Jahrzehnten einer Stiftung in dieser Struktur, dazu kommen Namen wie Zeiss, die Handelskette Globus, Ecosia oder Alnatura.

Auch der politische Rückenwind wächst. Über 20 Wirtschaftsverbände, vom Deutschen Start-up-Verband über den Bundesverband mittelständische Wirtschaft bis zum Verband deutscher Unternehmerinnen, fordern gemeinsam eine eigene Rechtsform. Hinzu kommt eine demografische Nachfolgewelle mittelständischer Unternehmen, deren Inhaber:innen nach Alternativen zum Verkauf suchen. Über 1.000 Unternehmen stehen bereit, in Verantwortungseigentum zu wechseln, sobald die Rechtsform existiert. Die Politik zieht nach: Die aktuelle Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag die „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen” bereits angekündigt.

Rahmenkonzept für eine Gesellschaft mit gebundenem Vermögen

Das Bundesministerium für Justiz und Verbaucherschutz sowie das Bundesministerium der Finanzen haben im März 2026 dieses Rahmenkonzept vorgelegt. 

Die Kapitallücke

So überzeugend das Modell ist: Unternehmen in Verantwortungseigentum haben Kapitalbedarf wie alle anderen Unternehmen auch. Und genau hier entsteht eine Lücke. Die etablierten Finanzierungsformen sind für solche Unternehmen schlicht nicht gemacht. Wer Renditen für Investor:innen begrenzt, schnelle Exits ausschließt und Kontrolle bei den Menschen im Unternehmen belässt, passt nicht in das Standardraster der Branche und bleibt dadurch oft außen vor, wenn Kapital verteilt wird.

Was es braucht, sind Finanzintermediäre, die alternative Finanzierungslösungen entwickeln und Kapital dort hinlenken, wo es gebraucht wird. Hier setzt ein Ansatz an, der über klassisches Impact Investing hinausgeht: das Systemic Investing. Während Impact Investing in einzelne Projekte investiert und deren direkten Output misst, etwa die eingesparten Tonnen CO₂, fragt Systemic Investing nach den größten Hebelpunkten für Veränderung in einem ganzen System.

Statt einzelne Unternehmen isoliert zu betrachten, geht es um das gesamte Portfolio an Investments und dessen Rolle im größeren Zusammenhang: Wie verändern die Unternehmen ihre Branche, ihre Region, das Ökosystem um sich herum?

Wofür wir bei Karma Capital stehen

Genau als ein solcher Finanzintermediär versteht sich Karma Capital. Wir wollen mit systemischem Investieren Geld zu einer positiven Kraft für die Gesellschaft machen.

Die Geschichte dahinter begann, als Sebastian Klein sich von 90 Prozent seines Vermögens trennte und es in Karma Capital überführte. Für ihn war klar: Zu viel Geld verschärft aktuell Probleme, und zu wenig landet dort, wo es wirklich gebraucht wird.

Karma Capital ist unser Versuch, das zu ändern. Für den Anfang konzentrieren wir uns auf zwei Felder: Unternehmen in Verantwortungseigentum, in die wir über unseren Fonds investieren, und gemeinwohlorientierte Medienunternehmen, die wir gemeinsam mit dem Media Forward Fund unterstützen. Alles, was wir tun, messen wir daran, ob es strukturellen Wandel ermöglicht. Das gilt für unsere Investments ebenso wie für unsere gemeinnützige Arbeit und unsere Spenden.

Unsere Vision ist konkret: Bis 2035 sollen mindestens zehn Prozent der Venture-Capital-Investitionen in Deutschland in Unternehmen in Verantwortungseigentum fließen. Wir sind überzeugt, dass eine andere Art zu wirtschaften möglich ist.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigen drei Unternehmen, die wir unterstützen:

  • Haferkater verkauft Porridge in vielen deutschen Bahnhöfen als ein nachhaltiges To-go-Konzept an 30 Standorten, mit über 100 Mitarbeitenden und Partnern wie der Deutschen Bahn. Das Unternehmen ist seit über einem Jahrzehnt familiengeführt. Ende 2024 hat es sich bewusst aus klassischen Investor:innenstrukturen herausgekauft und erfolgreich mithilfe eines Crowdfundings in Verantwortungseigentum überführt. Damit zeigt Haferkater, dass auch ein etabliertes, wachsendes Unternehmen den Wechsel schaffen kann.
  • Vyld geht den umgekehrten Weg und war von Anfang an in Verantwortungseigentum organisiert. Das Unternehmen bietet patentierte, zirkuläre Periodenprodukte auf Basis von Meeresalgen an. Vyld hat ein eigenes Open-Source-Finanzierungsvehikel entwickelt, darüber 1,4 Millionen Euro eingesammelt und zusätzliche Forschungsförderung gesichert. Hinter dem Unternehmen steht ein hundertprozentiges Frauenteam.
  • CrowdBuilding macht gemeinschaftliches Wohnen einfacher: Die Plattform bringt Menschen, die zusammen bauen und leben wollen, mit Grundstücken, Kommunen und Finanzierung zusammen. Schon heute sind über 10.000 Nutzer:innen und rund 200 Wohninitiativen Teil des Ökosystems, der Umsatz wächst bei hohen Margen, und renommierte institutionelle Investoren sind bereits an Bord. Der Bedarf nach anderem Wohnen ist durch alle Altersklassen hinweg riesig, und CrowdBuilding zeigt, dass ein gemeinwohlorientiertes Modell ihn bedienen kann.

Kapital als positive Kraft

Kapital entscheidet mit, welche Unternehmen wachsen und welche Geschäftsmodelle sich durchsetzen. Fließt es in Unternehmen in Verantwortungseigentum, stärkt es deren Mission, statt sie zu untergraben. So entsteht Schritt für Schritt eine Wirtschaft, in der Wachstum nicht auf Kosten von Mensch und Planet geht, sondern beiden zugutekommt.

Dafür braucht es Pionier:innen auf beiden Seiten: Unternehmen, die sich für diese Eigentumsform entscheiden, und Geldgeber:innen, die die ersten Erfolgsgeschichten möglich machen.

Wir bei Karma Capital haben uns entschieden, beides zu sein: Wir investieren in Unternehmen in Verantwortungseigentum – und sind selbst eines.

Mehr zu Sebastian Klein

Sebastian Klein ist Mitgründer von Karma Capital sowie dem Medienunternehmen Neue Narrative. Außerdem ist er Mitglied in der Stiftung Verantwortungseigentum und engagiert sich in der Initiative taxmenow. 2025 erschien sein Buch Toxisch Reich im Oekom Verlag.

© Fabian Catoni

Autorin: Taraneh Taheri – Content & Medien-Fonds bei Karma Capital

Taraneh Taheri kennt Wirtschaft nur anders: Ihr gesamtes bisheriges Berufsleben hat sie in Unternehmen in Verantwortungseigentum verbracht. Für sie ist dieses Eigentumsmodell ein zentraler Hebel, um Wirtschaft und Arbeit grundlegend zu verändern.